Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. 250

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Jüdische Lehrerinnen
Date
1905-04-01
Page
250 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316727-2316732-2334879--13752-2334968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

250 Im deutschen Reich. stellung in Verbindung gestanden und bin stets bis zum Punkte der Religion einig gewesen. In der Stellenvermittlung des Allgemeinen DeutschenLehrerinnenvereins wurde mir gesagt: „Wir haben vier jüdische Damen auf unserer Liste, und es ist uns nicht möglich, dieselben unterzubringen, soviel Mühe wir uns auch geben, und obgleich eine ziemlich große Nachfrage nach Lehrerinnen ist." Das find die Aussichten für eine Schulstellung und nach allem, was ich in den letzten Jahren beobachtete, werden sie immer geringer. Man könnte einwenden, daß als Erzieherin der jüdischen Lehrerin ein weites Feld geöffnet sei. Privaitätigkeit bietet wohl bis zum 30. Jahre ungefähr ein einigermaßen befriedigendes Dasein, vorausgesetzt, daß man das Glück hat, in gebildeten Familien tätig zu sein, die den Wert der geistigen Arbeit zu schätzen wissen. Aber was dann? — Die meisten Eltern wollen für ihre Kinder, und dies mit vollem Rechte, junge Erzieherinnen haben, weil diese viel mehr imstande sind, auf das Kindergemüt zu wirken und sich ihm anzupaffen. Was geschieht aber mit der Erzieherin, die das vorschriftsmäßige Alter überschritten hat? Sie ist gezwungen, sich nach einer selbständigen Stellung umzusehen. Die Schule ist ihr verschloffen; sie greift also zu dem letzten Ausweg: sie wird Privatlehrerin. Mit der Schilderung einer solchen Existenz kann ich mich kurz fassen. Wenn eine Privatlehrerin Glück hat, kann sie durch Empfehlungen sehr angenehme und gut bezahlte Stuben bekommen und sich vielleicht manchen Monat auf 300 Mk. stehen; aber es können auch Monate kommen, in denen sie nur den 10. Teil dieses Einkommens chat, und was wird dann aus ihr, wenn sie nicht über eigenes Kapital zu verfüg:« hat? Es ist also eine ganz unsichere, keineswegs beneidenswerte Existenz, zumal, da die Betreffende bei jedem Semesterwechsel auf dem Posten sein muß, um die nötige Anzahl Stunden zu bekommen. Den idealen Standpunkt muß man dabei oft ganz unberücksichtigt lasten. Nun könnte man noch einwenden, daß ein intelligenter Mensch aus allem, was er gelernt hat, etwas machen wird. Das ist aber leichter gesagt als getan. Was kann die Lehrerin werden? Sie kann sich schriftstellerisch betätigen, sie kann ein Pensionat begründen, oder sie kann einen ganz anderen Beruf ergreifen. Zur Schriftstellerei und zur Pensionatsvorsteherin gehört besondere Befähigung. Ist diese nicht vorhanden, so ist man gezwungen, den dritten Weg einzuschlagen, und von den Schwierigkeiten, die das in späteren Jahren mit sich bringt, will ich lieber schweigen. Aus obigen Ausführungen, die aus langjährigen Erfahrungen, die ich zum Teil an mir selbst, zum Teil an Kolleginnen gemacht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.