Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 237 (sequence 4)
- Language
- German
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Vereinsnachrlchte». 237 gebung" geradezu zu einer Notwendigkeit geworden seien, würden bei der Ziel- und Planlosigkeit und der Hilflosigkeit der meisten russischen Einwanderer für diese stets ein Segen gewesen sein, wenn die Schifffahrtsgesellschaften nicht damit einen skandalösen Mißbrauch getrieben hätten, der erst spät aufgedeckt worden sei. Schon im Jahre 1880 habe die „Alliance israelite universelle“ und 1891 das Berliner „Russische Komitee" sich der ruffischen Auswanderer angenommen, aber erst im Dezember vorigen Jahres sei durch den „Hilssverein der deutschen Juden" eine „Organisation der Auswanderung" geschaffen worden, deren Programm eine wesentliche Befferung der Verhältnisse ermögliche, eine Ausbeutung der Auswanderer durch die Wirte verhüte, Fahrtvergünstigungen schaffe und den hilflosen Leuten guten Rat verschaffe. Das Schicksal der ausgewanderten Juden sei in Amerika im ganzen kein ungünstiges; die Armut im New-Iorker Ghetto nehme immer mehr ab; die dort erwerbsfähig Gewordenen lassen vielfach ihre Verwandten Nachkommen. Es habe sich bereits ein „amerikanisches Judentum" herausgebildet, das nicht nur durch Zahl und Intelligenz, sondern auch durch humanitäre Leistungen und Jntereffe für die jüdische Literatur schon eine sehr hohe Bedeutung erlangt habe. Aber auch in anderen Erdteilen, z. B. in Südafrika, bilden sich jüdische Gemeinden, so daß die Auswanderung im großen und ganzen für die Lebenskraft des Judentums ein vortreffliches Zeugnis liefert. Für die russischen und rumänischen Juden ist sie eine natürliche Folge des „Kampfes um das Recht". Auch die deutschen Juden haben diesen Kampf zu führen, aber sie können es erfteulicherweise, ohne heimatlos zu werden; sie bleiben mit dem deutschen Vaterlande innig verbunden, dessen Freude auch ihre Freude, dessen Trauer auch ihre Trauer ist. Sie fühlen aber mit ihren minder glücklichen Glaubensbrüdern; sie hoffen mit ihnen auf die Zeit, wo dieser Kampf ums Recht allerwärts zum Segen führen werde, wo auch für die russischen Glaubensgenossen die Purim-Verheißung Geltung haben wird: „Den Juden wurde Licht und Freude!" — Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen, und der Vorsitzende der Gruppe sprach dem Redner noch besonderen Dank aus. Nach einer kurzen Debatte, in der Herr Dr. Auerbach auf Grund persönlicher Anschauung sich über die Verhältnisse des New Uorker Ghettos in interessanter Weife äußerte, besprach Herr Dr. Gutlsmann noch den kläglichen Versuch der „Staatsbürger-Zeitung", durch eine höhnische Besprechung der behördlichen Aufklärung des Karlshorster Unglückssalls den Ritualmord-Wahn wieder auszufrischen. Nachdem die Wiederwahl der Herren Obmänner der Gruppe durch