Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 236 (sequence 3)
- Language
- German
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236 Im deutschen Reich. dann hielt Herr Dr. Max Eschelbacher einen Vortrag über „Moderne Wanderungen mit besonderer Berücksichtigung der russischen Auswanderung." Der Redner verwies darauf, daß die Geschichte der Juden von den Zeiten Abrahams an bis aus die neueste Zeit eine Geschichte der Wanderungen gewesen sei, daß schon vor der Zerstörung des Tempels sich Juden weit über die Erde verbreiteten, besonders aber im Mittelalter und später Maffenauswanderungen stattfanden, als französische Juden nach Deutschland, deutsche Juden nach Polen, spanische Juden nach der Türkei, Amerika und Holland und schließlich auch nach England getrieben wurden. Die Ursache dieser Wanderungen sei wohl auch politischer und wirtschaftlicher Druck, in der Hauptsache aber doch fast stets das Festhalten an der religiösen Ueberzeugung gewesen, da häufig genug die Verleugnung des väterlichen Glaubens es Einzelnen möglich machte, an der Scholle zu haften. Der Vortragende schilderte die wechselnden Geschicke der auf 6 Millionen Seelen geschätzten jüdischen Bevölkerung Rußlands, welche durch die Jgnatiewsche Maigesetzgebung, die erst im Dezember 1904 aufgehoben wurde, in wenige „Ansiedlungs-Rayons" zusammengepfercht worden ist, Unbeschreibliches gelitten und durch die russische Derwaltungspraxis von den Milderungen bisher wenig gespürt hat. Der Redner wies dann nach, wie die Juden Rumäniens in ihrer Heimat zwar alle Pflichten rumänischer Staatsbürger zu leisten hätten, aber gesetzlich als „Fremde" behandelt und jeder Willkür preisgegeben würden, besonders aber durch die neuen Handwerker-Gesetze erwerbslos gemacht worden seien. Wer unter solchen Verhältnissen das Vaterland meide, dem dürfe man nicht vaterlandslose Gesinnung verwerfen; in den Zeiten der ärgsten Reaktion seien auch zahlreiche vaterlandsliebende christliche Deutsche ausgewandert, darunter Männer von unbezweifelter patriotischer Gesinnung, wie Karl Schurz, Kapp u. a. m. Seit 1888 seien alljährlich etwa 40 bis 70 000 russische und rumänische Juden ausgewandert; seit den Metzeleien in Kischinew, Homel und Feodosta und infrlge des russlsch japanischen Krieges sei die Zahl der Auswanderer aber noch wesentlich gestiegen. Eine genaue Statistik fehle, weil der Strom der Auswanderer sich nicht nur auf die Hamburg-Amerikaniiche Linie und den Bremer Lloyd beschränke, sondern sich auch über Fiume und andere Linien bewege. Dieser Strom entziehe sich auch dadurch nahezu der Oeffentlichkeit, weil aus polizeilichen und sanitären Gründen die Auswanderer durch die „Kontrol-Stationen" den Blicken der Menge entzogen würden. Diese Stationen, welche durch die sich immer straffer gestaltende „Amerikanische Einwanderungs-Gesetz-