Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 221 (sequence 9)
- Language
- German
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Entstehung einer ungewollten, durch die „Konfessionalität" notwendig herbeigeführten Ausschließung verdanken. Das hat Professor Osthoff in Heidelberg in der Zeitschrift „Die Freistatt" unverblümt in nachstehenden Sätzen ausgedrückt: „Dieselben Kreise der Studentenschaft, die jetzt dem Unkraut der konfessionellen Zerklüftung des akademischen Lebens so entschieden zu Leibe gehen, trifft bis zu einem gewissen Grade eine Mitschuld an dem Emporwuchern eben dieses Unkrauts. Die gegenwärtig glücklicherweise in unserer Studentenwelt wieder etwas eingedämmte Hochflut der antisemitischen Bestrebungen hatte die Unduldsamkeit gegen die Kommilitonen jüdischen Glaubens gezeitigt, die Ausschließung der Israeliten aus vielen der tonangebenden Korporationen mit sich gebracht, und die Folge war das Aufkommen der exklusiv-jüdischen Studenten-Verbindungen." Auf das Huldigungs-Telegramm des „Ersten deutschen Studententages" erfolgte nachstehende kaiserliche Antwort: „Ich habe den Huldigungsgruß aus Eisenach gern entgegengenommen, und ich hoffe, daß die Studenten stets bestrebt sein mögen, die deutsche Geistesfreiheit auch durch die Achtung vor der Ueberzeugung Andersdenkender hochzuhalten. Wilhelm. LR." Wenn die deutsche akademische Jugend, der hochsinnigen Mahnung des Kaisers folgend, die deutsche Geistessreiheit durch Achtung vor der Ueberzeugung Andersdenkender betätigen lernt, dann kann und wird sie auch künftig dem Antisemitismus keine Heeresfolge mehr leisten, selbst aber die beste Stütze des modernen Staates werden. Wo die Staatslenker wie in Rußland die gebildete Jugend der Geistessreiheit abwendig zu machen suchen, ihre Bewegungsfreiheit hemmen und ihre Gedankenfreiheit durch fanatische Dunkelmänner einzuschränken streben, da erbittert der Zwang nur die jugendlichen Schwärmer und macht sie zu gefährlichen Gegnern der bestehenden Staatsordnung. Aehnlich verhält es sich auch mit der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Rußlands, die auf 6 Millionen geschätzt wird und einen pflichttreuen und überaus nützlichen Bestandteil des russischen Volkes bilden würde, wenn man ihnen volle Menschenrechte und eine echte Bürgerfreiheit gewähren wollte. Es ist tief bedauerlich, daß die zur Verzweiflung Getriebenen sich zu Ausschreitungen treiben lassen, bei denen das Einschreiten der bewaffneten Macht zum Blutvergießen führt. Eine Kundgebung bei dem Begräbnis eines jüdischen Sozialisten hat am 2. April in Warschau zu einem solchen traurigen Ddrkommnis Anlaß gegeben, wobei zahlreiche Juden verwundet und vier getötet wurden. Von den jetzigen russischen Ministern ist leider kein freiheitliches Zugeständnis zu erwarten; ihnen fehlt nicht nur die Lust,