Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 218 (sequence 6)
- Language
- German
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218 Zni deutschen Reich. Heeresdienste; daß sie sich vielmehr offenbar nicht etwa aus Rücksicht auf eine Bevötkerungsminderheit, sondern lediglich aus zeitgemäßen volkswirtschaftlichen Gründen in ihren Entschlüssen nicht wankend machen läßt. Bei der Reichstagsverhandlung über den Befähigungsnachweis sprach der antisemitische Abg. Werner ziemlich bitter sein Bedauern darüber aus, daß bei einer für den Mittelstand so wichtigen Frage der Bundesratstisch so gut wie leer sei. Das aber erklärte sich einfach dadurch, daß die Regierungen dem klaren Programm des Staatssekretärs Grafen Posadowsky nichts mehr hinzuzusügen hatten und sich den Genuß versagten, das, was vorher in der „Staatsbürger- Zeitung" und den „Deutsch-Sozialen Blättern" zu lesen war, von den Abgg. Bockler und Bruhn oder von dem Grafen Revcntlow mit einigen schärferen Wendungen noch mündlich sagen zu lassen. Das weitverbreitete Unbehagen über die durch die antisemilischen Abgeordneten in die Parlamente hineiugetragene Tonart scheint sogar schon sogenannte „deutsch-nationale" Kreise ersaßt zu haben, da die „Tägliche Rundschau" in ihrer Nummer 111 sich wie folgt äußert: „Wenn man jetzt sieht, welcher Aberwitz sich zuweilen dummdreist an dem Staatssekretär zu reiben wagt; wie ein Mann von der geistigen Potenz des Grafen -Posadowsky sich umständlich mit den gehässigen Trivialitäten des Herrn Bruhn auseinandersetzen muß, dann begreift man, wie notwendig für die Ausrichtung auch des Notbaus der Dersicherungsgesetze die alles überragende Gestalt des Fürsten Bismarck war." Kurze Zeit vorher war dem Abg. Böckler auf seine „geistreiche" Bemerkung, 200 deutsche Dörfer seien für Deutschland wichtiger als die 100 000 Juden in Berlin, von dem liberalen Abg. Kopsch mit den Worten heimgeleuchtet worden, es gehöre die größte Selbstüberwindung dazu, auf dieses geistige Niveau hinabzustcigen. Es ist übrigens bemerkenswert, daß selbst in Sachsen einer der gewandtesten nationalliberalen Vertreter der dortigen Industriellen, Dr. Stresemann, öffentlich erklärte, daß einzig die antisemitische Partei an dem heutigen politischen Tiefstand schuld sei, weil sie durch ihre verkehrte Mittelstandspolitik die Handwerker im Widerstand gegen die neuzeitliche wirtschaftliche Entwicklung noch bestärke. Bekanntlich hat der frühere Pastor und jetzige Reichstagsabgeordnete Krösell als Begründer der Zeitschrift „Mittelstand" zu dieser verkehrten Politik auch sein Schei flnn beigetragen, nebenher auch als Dilettant mit dem landwirtschaftlichen Genoffenschaftswesen sein Heil versucht. Der Zusammenbruch des Pyritzer landwirtschaftlichen Emnnd Ve>.kaufenrreins, in dessen Vorstand er gewählt wurde, soll aber