Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 217 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 217 noneüen Gründen gewissenhaft nachzugehen, ist gewiß erfreulich, aber seine Ansicht, daß die jüdische Religion keinen Grund abgeben werde, jemandem die Beförderung zu versagen, kann nicht stimmen, da frühere Juden und Judeniprößlinge verhältnismäßig leicht Reserveoffiziere oder auch aktive Ojfiziere werden. Leider zeigt sich aber auch hierbei, daß manche bürgerlichen Kreise gar kein Verständnis dafür haben, daß es sich für die deutschen Juden bei dieser Frage keineswegs um dieErreichung desZiels eines kleinlichen Ehrgeizes handelt, sondern um die Bekämpfung ungerechter Vorurteile, durch die ihnen mit Unrecht der Stempel der Minderwertigkeit aufgedrückt wird. Dieser Stempel ist aber nicht nur für die Juden bestimmt; haben wir doch Offizierkorps, die auch keinen Sohn eines einfachen christlichen Bürgers ausnehwen; ist doch auch in andern staatlichen Berufen, z. B. im auswärtigen Dienst, in der Verwaltung u. a. ähnlichen Stellungen der Prozentsatz der Bürgerlichen in stetem Rückgänge. Die Juden sind tatsächlich für die Reaktion das „Versuchskaninchen"; die Leute, die bei solchen Quälereien vergnügt zuschauen, ahnen kaum, daß auch an sie die Reihe kommt, wenn sie sich nicht darauf rechtzeitig besinnen, Freiheit und Gleichheit schützen zu helfen. Vestigia terrent! Der Abg. von Kardorff hat im Reichstage für diese Leute ein scharfes Wort geprägt, als er von der „Handwerkerfreundlichkeit" der antisemitischen Wortführer sagte: „Wenn diese Agitation weiter betrieben wird, wird's ja schließlich geglaubt werden — es "gibt gewisse Leute, die nicht alle werden. Aber mögen Sie damit weiter machen, uns soll es ziemlich gleichgültig sein. Dem Abg. Böckler will ich noch sagen, daß ich mehr weiß, was sich ün parlamentarischen Leben schickt, als er. Er tut so, als ob er und feine Freunde erst die Handwerker frage erfunden hätten." Auch von den Vertretern anderer Parteien wurde dabei betont, daß sie sich in wohlwollendstem Sinne längst mit dieser Frage beschäftigt hätten. Besonders deutlich wurde aber der Abg. Gothein von der „Freisinnigen Bereinigung", der kurz und bündig erkärte: „Wenn Herr Böckler sich hier als Vertreter des ganzen Handwerks gebärdet, so ist es doch an der Zeit, ihm zu Gemüte zu führen, daß sich in Handwerkerkreisen die Anschauungen über die Notwendigkeit des Befähigungsnachweises ganz gewaltig geändert haben." Auf die antisemitischen Führer, die ich daraus versteifen, als die erfolgreichsten Fürsprecher des Mittelstandes zu gelten, wirkte es besonders vei stimmend, daß der Vertreter rer Reichsregierung hierbei nicht dieselbe ängstliche Rücksichtnahme ruf sogenannte „Imponderabilien" und „Impressionen" zeigt, wie bei den Beförderungen in der Justizverwaltung, im Schulfache und im