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Im deutschen Reich · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. 215

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1905-04-01
Page
215 (sequence 3)
Language
German
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Umschau. 215 Die sogenannte „Judenfrage" ist eben nur ein Teil der sozialen Frage; das Vorurteil gegen eine durch Intelligenz und Kapitalkraft schätzbare, aber durch ihre kleine Zahl gewiß ungefährliche Bevölkerungsminderheit ist nur das rote Tuch, mit dem man den kämpfenden Stier von dem wirklichen Gegner ablenkt. Jahrtausende hindurch haben die Juden Verfolgungen und Zurücksetzungen erduldet und überdauert; waren doch die gegen sie gerichteten Verfolgungen immer nur die Kriterien der krankhaften Zersetzung der Staaten, der gegenüber man andere Heilmittel vergebens erschöpft hatte. In der Ratlosigkeit verfiel man auf Las unglücklichste Mittel, das die allgemeinen Leiden nur steigern mußte. Diese in der Weltgeschichte immer wiederkehrende Erscheinung zeigt sich in erschreckendster Weise in unseren Tagen in dem Zarenreiche, bei dem Riesen mit den tönernen Füßen. Trotzdem verstehen es viele hochgebildete deutsche Bürger nicht, daß das Judentum auch bei uns nur ein Versuchsobjekt ist, an dem die Reaktion ihre Kunst erprobt. An sie richtet sich eine zeitgemäße Warnung im „Berliner Tageblatt": „Gelingt cs der Reaktion an diesem Punkte, einen Erfolg zu erzielen, dann geht sie weiter, dann richtet sie sich gegen die Selbstverwaltung in den Städten und Gemeinden, dann sucht sie ebenso die freie Forschung aus den Hochschulen zu unterdrücken, kurzum, sie bemüht sich, immer weitere Kreise des Volkes unter die Botmäßigkeit einer herrschenden Partei zu zwingen. Es ist Recht und Pflicht aller unabhängigen Elemente des Volkes zugleich, sich gegen diese nach rückwäits gerichteten Tendenzen zu wahren. Das ganze deutsche Bürgertum trifft es, was den jüdischen Mitbürgern geschieht. Nicht die Parität der konfessionellen Zahl darf das Ziel sein, Wohl aber die Gleichberechtigung aller konfessionellen und politischen Richtungen. Hier liegt der Fortschritt zu wahrhaft verfafiungsmäßigen Zuständen." Der Fortschritt ist aber gerade, was die Rückschrittler nicht wollen; sie lieben dre Juden nicht, aber noch weit verhaßter sind ihnen „wahrhaft verfasiungsmäßige Zustände." Ihr Ideal ist, was sich einst in dem Ausspruch kundgab: „Kein Blatt Papier soll sich zwischen mich und mein Volk drängen!" Ihnen war die Verfassung fast nur ein Blatt Papier, aber selbst als moralisches Feigenblatt unbequem für unverhüllten Rückschritt zu versassungslosen Zuständen, die dem Monarchen doch nur scheinbar eine größere Machtbefugnis verschaffen, in Wirklichkeit aber, wie dies in Rußland der Fall ist, ihn der Willkür der Auguren und Prätorianer gegenüberschutzlos lassen. Dahin strebt die Reaktion überall; ihr Hauptziel ist es,, die Mehrheit des Volkes zu verhindern, an der Staatsleitung Anteil zu nehmen, die vollständig der kleinen Zahl der Angehörigen der bis

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