Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. 212

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Wie Ritualmord-Märchen gedichtet werden
Date
1905-04-01
Page
212 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316727-2316732-2334858--13677-2334930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

212 Im deutschen Reich. Sturz, Könitz noch ungesühnt zum Himmel schreit und kein Rabbi sich regt — solange wild es dem jüdischen Volke nicht gelingen, in dem deutschen Volke das Mißtrauen zu ertöten, daß jenes eine Klarstellung nicht wünsche. Ihr Juden — Gott sei's geklagt! — könnt Könige stürzen und mit Völkern spielen, könnt über Krieg und Frieden entscheiden, könnt Berge versetzen und fünf gerade machen. Ja, wir sind überzeugt: Ihr könnt mit Euren Riesenmitteln und Eurer gewaltigen Organisation überhaupt jeden Verbrecher ermitteln, an dessen Ermittelung Euch gelegen ist. Ihr könnt uns auch die Mörder von kanten bis Könitz ausliefern, wenn Ihr nur wollt." Das judenfeindliche Blatt überschätzt offenbar unser Können, unterschätzt aber unsere Hochachtung für unsere Religion, die uns zu erhaben über Lug und Trug und Pöbelwahn ist, um sie gegen den beschimpfenden Verdacht zu verteidigen, zu blutigen Taten anzuregen. Es unterschätzt aber auch unsern Respekt vor der staatlichen Ordnung und vor dem Pflichteifer preußischer Richter, wenn es uns zumutet, nach antisemitischem Vorbilde den Untersuchungsbehörden ins Handwerk zu pfuschen. Wenn so viele Urheber grauenhafter Morde unentdeckt geblieben sind, trägt nach Ansicht aAer unparteiischen Kriminalisten die Einmischung Unberufener in die geordnete Rechtspflege sicher einen großen Teil der Schuld. Wer ein „Geschäft" daraus macht, Verbrechen Zu erfinden, trägt, wenn auch vielleicht nicht absichtlich, dazu bei, Verbrechen zu ver-> mehrend) Das Dichten von Ritualmord-Märchen mag für die Blätter vom Schlage der „Deutschen Hochwacht" lohnend sein; es ist aber nicht nur für die Juden, sondern auch für viele Christen verhängnisvoll, da die Lustmörder es aus den Antisemitenblättern *) Seit vor etwa drei Jahren bei Hannover die kleine Else Kassel spurlos verschwand, wurde in antisemitischen Blattern wiederholt auf diesem Fall zur Glaubhaftmachung des Ritualmord-Märchens verwiesen. Vor wenigen Tagen verhaftete die Kriminalpolizei in Hannover den Postschaffner Büther, der die 5 Jahre alte Anna Schaer mißbraucht, dann Zerstückelt, die Leichenteile teils auf eine Bahnrampe geworfen, teils in seinem Keller versteckt hatte. Dort fand man auch Skelettteile die als die der Else Kassel rekognosziert wurden. Unter dem Verdachte der Mittäterschaft wurde der Schuhmacher Paul verhaftet. Die Untersuchung nach weiteren vielleicht in demselben Hause verübten Verbrechen au Kindern wird fortgesetzt und wird wahrscheinlich über das in der „Deutschen Hochwacht" vom 5 März d. Js. besprochene Verschwinden von 4 Kindern in Hannover eine andere Aufklärung dringen, als den .Mtualmorderfindern" erwünscht ist-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.