Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Wie Ritualmord-Märchen gedichtet werden
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 209 (sequence 3)
- Language
- German
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Wie Riiualmord-MLrcheu gedichtet werden. 2üö nicht festgestellt worden, daß an den Tagen unmittelbar vor denr Verschwinden des p. Behrens in der Kolonie Karlehorst ein kleiner Jude mit alten Sachen gehandelt hat. Ebenso sind Tatsachen nicht bekannt geworden, durch welche das Verschwinden des Knaben mit der Anwesenheit eines Juden dortselbst in Zusammenhang gebracht werden könnte. Der Amtsvorsteher gez. Leuchert. Das Ergebnis der amtlichen Ermittelungen ist allgemein bekannt geworden, trotzdem setzte das Antisemitcnblatt seine Verdächtigungen fort, und verband nun damit die nachfolgende Aufforderung zum Mißtrauen gegen die Verwaltungsorgane und richterlichen Behörden: Deutsche Hochwacht vom 5. März 1905. „Frühjahrsbeute." Unter dieser Neberschrift schreibt uns ein Freund: Angesichts des immer wiederkehrenden Kinderverschwindens unter eigentümlichen Begleitumständen, und mit Rücksicht darauf, daß unsere Kriminalbehörden in solchen Fällen wie vor einem Räisel stehen (bei Hannover wieder 4 und bei Berlin 6 Kinder!), möchte ich Vorschlägen, daß das Volk zur Selbsthilfe greift, wie beim Mädchenhandel und gegenüber dem Schmutze in Wort und Bild. Natürlich unter strengstem Ausschlüsse des Judentums, das bei dem „Mutterschutz" wieder seine Nase mitten drin hat. Die „Deutsche Hochwacht" sollte in ihrer ehrlichen und tapferen. Art einen Aufruf an die deutschen Männer und Väter erlassen und sie zu Vereinigungen in Stadt und Land auffordern, in die tatkräftige Männer berufen werden, um in allen verdächtigen Fällen selbsttätig vorzugehen. Kommt mal ein Irrtum, ein Mißgriff vor, so ist das noch kein Verbrechen; bei unseren Behörden ist das ja auch nichts seltenes. Geschehen muß doch mal etwas, um diesen fluchwürdigen Zuständen ein Ende zu machen. Antwort der Schriftleitung: Wir stellen den Vorschlag hiermit zur öffentlichen Besprechung." Fast unmittelbar nach jener verblümten „Aufreizung zu Gewalttätigkeiten" fand ein Gendarm die Leiche des Knaben Behrens in dem nahe bei Rummelsburg gelegenen „Bayerschen" Eispfuhl. Bei der Ucberführung der Leiche wurden keine Spuren irgend einer Gewalttat entdeckt, aber die Antisemitenpresse, die auf amtliche Ermittelungen keinen großen Wert zu legen scheint, wurde dadurch im Ritualmord-Märchendichten nicht gestört. Die phantasievolle „Staatsbürger-Zeitung" bestritt sofort die Möglichkeit, daß der Knabe