Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1905-03-01
- Page
- 179 (sequence 6)
- Language
- German
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Vereinsnachrichten. 179 Herr Schriststeüer Dr. Ludwig Cohn das Thema: .Der Jude als Ackerbauer und Kolonisator"' in einem sehr interessanten Vortrag behandelte. Der Redner verwies darauf, daß in sehr früher Zeit die Juden aus einem umherwandernden Hirtenstamm zu einem seßhaften, Ackerbau, Wein- und Oelbau und Viehzucht treibenden Volk herangereist seien, dessen Richter und Propheten vor ihrer Berufung vielfach den Pflug geführt hätten, daß die Juden aber auch nach der Zerstörung des Tempels und ihrer Zerstreuung in anderen Ländern Bedeutendes in der Bodenkultur leisteten, der sie erst in den Zeiten der mittelalterlichen Verfolgungen entfremdet wurden. Erst nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts sei in Palästina versucht worden, die Juden wieder zur Bodenkultur zurückzuführen, wofür Baron Edmund Rothschild opferfreudig wirkte. Es wurden 1870 auch schon Ackerbauschulen gegründet, aber erst im Jahre 1881 habe eine planmäßige Kolonisation ihren Anfang genommen, die durch die Unsicherheit des Rechtszustandes jedoch wesentlich erschwert wurde. In Rußland habe schon im Jahre 1800 die Regierung Versuche angestellt, die traurige Lage des massenhaften jüdischen Proletariats durch Gründung jüdischer Kolonien zu lindern, aber diese Versuche, sowie auch spätere Anordnungen des Kaisers Nicolaus, konnten zu keinen dauernden Erfolgen führen, weil sie mit erschwerenden Bedingungen verknüpft waren, und weil die stete Gefahr der Ausweisung den Kolonisten den Mut benahm, aus einen so unsicheren Besitz Mühe und Geld zu verwenden, und weil auch tatsächlich dort, wo nicht bald Erfolge erzielt wurden, die Behörden Maflenaustreibungen Vornahmen, durch die Tausende wieder besitz- und heimatlos wurden. Günstiger gestaltete sich das Los der russischen Juden, die mit der reichen Unterstützung der „Alliance israelite universelle“ in Amerika Besitzungen anlegten, von denen aber leider eine größere Zahl wieder durch Ueberschwemmungen zu Grunde ging. Im übrigen jedoch prosperierten sie besonders dort, wo man sich nicht aus den reinen Ackerbau beschränkte, sondern diesen mit lohnenden Industrien verband. Insbesondere soll dies in einzelnen Kolonien in Argentinien der Fall sein, wo 1891 zu diesem Zweck Baron Hirsch große Strecken angekaust hat. Als den eigentlichen Grund dafür, daß die Kolonisation in den verschiedenen Ländern nicht sofort glückte, gab der Vortragende an, daß die Organisation zunächst meistens mangelhaft war, daß man sich nur auf den wenig lohnenden reinen Ackerbau beschränkte, daß man nicht für Absatzgebiete hinreichend sorgte, und mit Aufwand großer Geldmittel glaubte, aus ungeschulten älteren Proletariern noch tüchtige Ackerbauer machen zu können. Eine musterhafte jüdische