Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-03-01
- Page
- 162 (sequence 11)
- Language
- German
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163 Im deutschen Reich. Charlatanen, die das Alte Testament völlig vernichten möchten, gemeinsame Sache zu machen. In Oesterreich hat das christlich-soziale Element sich aber so mit dem Antisemitismus verquickt, daß sich ein bekannter katholischer Priester, Monsignore Scheicher, in einer kürzlich in Wien gehaltenen öffentlichen Rede zu der Aeußerung Herbeilaffen konnte, das Verbrechen des Judentums bestehe darin, der arischen Welt von Juden suggerierte Gedanken aufgezwungen zu haben. Von den österreichischen Kirchenfürsten sind bisher entgegengesetzte Anschauungen kundgegeben worden, weshalb sich doch hoffen läßt, daß sie ihren großen Einfluß bei der österreichischen Regierung zu Gunsten der wetteren Genehmigung der jüdischen rituellen Schlachtmethode geltend machen werden. Die Antisemiten im Wiener Sradtrate haben am 22. Februar d. Js. den einstimmigen Beschluß durchgesetzt, daß siimtliche in den städtischen Schlachthäusern zur Tötung kommenden Schlachtiere, bevor ihnen das Blut entzogen wird, durch Stirnschlag vollständig betäubt werden sollen. Hoffentlich wird aber die österreichische Regierung das Inkrafttreten dieses gegen eine religions gesetzliche Einrichtung der Juden gerichteten Beschlusses verhindern. In einer am 23. Februar im Brauhaussaale in Simmerung abgehaltenen Versammlung des Christlichen Bürgervereine besprach der antisemitische Reichstagsabgeordnete Ernest Schneider die gegen» wärtige Situation, wobei er die Schwierigkeiten mit Ungarn und mit der italienischen Bevölkerung von Triest ohne irgendwelche Begründung den angeblich verhetzenden jüdischen Elementen, ebenso die Attentate in Rußland den Juden zuschrieb und dagegen folgendes probate Mittel empfahl: „Beim ersten Attentat müssen 10 Rabbiner und 1000 Juden, beim zweiten Attentat 100 Rabbiner und 10 000 Juden und beim dritten Attentat 1000 Rabbiner und 1 Million Juden umgebracht werden; dann wird gewiß kein Attentat mehr Vorkommen!" Dazu bemerkt ein Wiener Blatt: „In Berlin ist Graf Pückler längst von Gerichtssachverständigen für unzurechnungsfähig erklärt worden. Unser Schneider sucht weiter seine Brauhäuser auf und hält, wenn die Million verblutender Juden ihm im Nebel vor den Augen herumtanzt, seine Reden an die christlichen Bürger Wiens. Man läßt den armen Menschen ohne jedwede Behandlung, bis er im Blutrausch wirklich einmal ein Unglück anrichten wird". Allzuweit ist man in Rußland nicht davon, als Mittel gegen den allgemeinen Zusammenbruch es mit der „Schneiderschen Mixtur" zu versuchen. An vielen Stellen bemühen sich die russischen Be- Hörden, die Unzusriedenhett der breiten Bevölkerungsschichten auf die Juden abzulenken und diese für die geradezu behördlich angeregten