Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-03-01
- Page
- 161 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 161 Müller--Meiningen, der dabei sagte: „Die konfessionelle rückschrittliche Flutwelle, die h-ier in die Erscheinung tritt, und den Widerstand der deutschen Studentenschaft mit Recht findet, ist die Folge jener allgemeinen politischen und kulturellen Reaktion, deren Schleppträger Zentrum und Konservative, Antisemiten und jene Konsorten seit Jahrzehnten bilden, die es sich zur Aufgabe machten, die Studentenschaft durch Phrasen für sich einzufangeu. Will sich daher diese nicht dem Borwurf unklaren einseitigen intoleranten Verhaltens aussetzen, so muß sie selbst zu den allgemeinen liberalen Grundsätzen der Toleranz und der politischen Freiheit zurückkehren, die sie früher vielfach verletzt hat, sie muß einsehen, daß der. ganze Kampf um die „akademische Freiheit" nur ein kleiner Teil des großen Kampfes um die bürgerliche Freiheit in Gesetzgebung und Verwaltung selbst ist, was sich bezüglich aller ihrer einzelnen Forderungen leicht dartun läßt." Sein Ausspruch: „Die Toleranz läßt sich nicht "halbieren" ist ein zeitgemäßes Schlagwort; ihm entspricht auch die'Bemerkung, welche das Zentrums-Mitglied Di-. Porsch in die Parlaments- Debatten über die katholischen Verbindungen einflocht: „Wollen die Studenten wirklich einen Kampf gegen alle konfessionellen Verbindungen führen, so müssen sie auch Angehörige aller Religionsbekenntnisse ohne Rücksicht auf die Farbe ihres Haares und die Zahl ihrer Ahnen aufnehmen." Der Abgeordnete Porsch -hat aber ebensowenig wie die übrigen Redner bei dieser Gelegenheit den Unterschied zwischen den katholischen und den jüdischen studentischen Verbindungen hervorgehoben, der eben darin besteht, daß die letzteren ihre Entstehung lediglich der studentischen „Absage an das Judentum" verdanken, wie denn auch auf vielen anderen Gebieten der deutsche Jude sich niemals freiwillig abfondert, sondern sich nur La auf' dtn Umgang mit feinen Glaubensgenossen beschränkt, wo sich seine-andersgläubigen Mitbürger ihm entfremden. Bemerkenswert ist aber, daß' erst bei dieser Gelegenheit durch eine Aeußerung des MiniftLrialdirektvrs Dr. Allhoff die bis dahin unbekannt gebliebene Tatsache an die Oeffentlichkeit gelangte, die Unterrichtsverwaltung sei schon vor Jahren aufgesordert worden, die jüdischen Verbindungen aufzulösen, sei aber damals für die Berechtigung der jüdischen Vereine ebenso eingetreten, wie jetzt für die katholischen. Nach den Urhebern jener Aufforderung hat kein Parlamentsmitglied gefragt: ihr Religions- und Rassenhaß kennzeichnet sie genügend! - Immerhin ist es erfreulich, daß der Antisemitismus in Deutschland nicht ebenso wie in Oesterreich weite klerikale Kreise infiziert hat, vielmehr die meisten deutschen Geifttichen sich hüten, mit den wissenschaftlichen