Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Judentum und Christentum
- Date
- 1905-03-01
- Page
- 149 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316731-2334704--13554-2334790- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Judentum und Christentum. 149 tik hat im Judentume die Religionsphilosophie behalten, die das Gute, das jene bieten soll, leistete, aber die Gefahren vermied, den religiösen Besitz sicherte, aber sich davor bewahrte, ihn emzu*!ammern (S.3)"; vielmehr durch die Möglichkeit freier Entwickelung, die durch die Anlage seiner Lehre und ihrer Urkunde, der heiligen Schrift, ermöglicht wurde. — Zur Erkenntnis des Charakters dieser Lehre müssen die prophetischen Bücher zugrunde gelegt werden,- denn in ihnen erweist sich die Bedeutung des religiösen Genies. Als wesentliches Kennzeichen finden wir für die Propheten ihre Lehre des Lebens. Gottes Wege zu suchen und zu wandeln, das machen sie der Glaubensgemeinde zur Pflicht. Diese Forderung setzt keine besonderen Erfahrungen einzelner voraus, sondern ist in gleicher Weise von allen Menschen zu erfüllen, so daß es im Judentum keine Trennung von Laien und Wissenden, keine Bevorzugten gibt. Der einzige, von allen zu liefernde Überzeugungsbeweis ist, die Religion zu leben, ist die Tat. — Dieser ethische Charakter des Judentums ist neu und eine Offenbarung zu nennen; denn die Naturreligion führt nie zur ethischen Religion. Darin liegt die Ausermähltheit des Judentums, das zwar eine nationale Exklusivität in sich heranzog, nötig zur Erhaltung der inneren Kräfte, aber nicht damit eine sittliche Exklusivität verband. Das Judentum betrachtet es nicht nur als eine geschichtliche Aufgabe, sondern ist auch, da es nur gute Menschen kennt, geeignet, Welrreligion — wohl zu unterscheiden von Weltkirche — zu werden. Hierin ist der Charakter des Judentums gegeben. Seine Ideen raffen sich, da es eine optimistische Religion ist, in dem Begriff des „Guten" zusammensaffen. Sie stellen sich dar als Glaube an Gott, der das Gute verbürgt, und Glaube an den Menschen, um deffentwiüen das Gute da ist, und zwar an uns selbst, die wir, im Ebenbilde Gottes geschaffen, durch den Glauben an uns die einzige Sicherheit für unser Leben gewinnen; an den Mitmenschen, der ja unser Bruder, ein Kind Gottes ist und das Gute in sich trägt wie wir, und an die Menschheit, die dereinst diese Gotteskindschast und Bruderschaft aller Menschen erkennen und achten wird. Der Gottesglaube des Judentums besteht, entsprechend dem vorher ausgewiesenen „Charakter", darin, Gott zu loben und lieben. Er ist „unser Gott" oder soll es werden; die Innigkeit des Verhältnisses des Menschen zu Gott kennzeichnet sich in dem Wort „Liebe." Wird sie von Gott uns zuteil, so ist es unverdient gespendete Gnade, die in uns die Demut erweckt, die fromme Ergebung m die Gegensätzlichkeiten des Lebens. Doch nicht nur demütig geglaubt soll Gott werden, er muß gelebt werden: Die Tat erst macht