Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Judentum und Christentum
- Date
- 1905-03-01
- Page
- 146 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316731-2334704--13551-2334787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
146 3m deutschen Reich. Betrachten wir die Schriften etwas näher, so gipfelt die Untersuchung Eschelbachers in dem Ergebnis, daß „das Evangelium, so wie es Zu Jesu Zeiten erstand, eben keine selbständige, in sich abgeschlossene und vollständige religiöse Lehre ist (S. 92)", und „mit stolzer Befriedigung" stellt der Verfasser fest, „daß von einem geistvollen und die Größe des Christentums begeistert verkündigenden christlichen Theologen infolge einer umfassenden und tief eindringenden wissenschaftlichen Kritik gerade dasjenige (von dem weiter entwickelten Christentum) verworfen wird, was unsere Väter feit jeher verworfen haben, und daß andererseits derselbe als das wahre Evangelium, als das Wesen der Religion, das unzerstörbar in den wildesten Zeiten, in den rohesten Formen und den abergläubischsten Gebilden zum Heile gewirkt hat, diejenigen Lehren bezeichnet, welche der Mensch Jesus in Judäa dem um ihn sich sammelnden Volke gepredigt hat (S. 19f.)". In diesem Satze ist auch das Verhältnis des Judentums zum Christentum im allgemeinen gekennzeichnet, da Harnack selbst die Christologie, die Lehre vom göttlichen Charakter Jesu und von allem, was danut zusammenhängt, ablehnt. Aber auch das Bild, das Harnack von Jesus vorführt, stellt diesen durchaus unrichtig dar. „Fertig und abgeschlossen steht er ihm auf einmal auf, wie ein Quell, der aus den Tiefen klar und ungehemmt hervorbrichr". So könnte er ganz losgelöst erscheinen von dem Zusammenhang mit der Vergangenheit, wenn nicht mit leichter Mühe die Unrichtigkeit dieses Bildes mit einem Hinweise auf einen Micha, einen Jesaja oder Jeremia erwiesen werden könnte. Darin ist die Abhängigkeit der Verkündigung Jesu vom Judentum augedeutet, die alsdann in den einzelnen Hauprlehren eingehend erwiesen wird. Drei Gedankenkreise unterscheidet Harnack in der Predigt Jesu: Das Reich Gottes und fein Kommen, Gott der Vater und der unendliche Wert der Menschenseele, und die Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe. Die Lehre Jesu — die nach Harnack ihm zugeschrieben werden muß — daß das Reich Gottes „inwendig" im Menschen sei, ist an mehreren Stellen des Alten Testamentes schon längst ausgesprochen gewesen. Sie war auch nicht die eigentliche Auffassung Jesu vom Reiche Gottes. Vielmehr ist für diese bezeichnend der Messiasglaube, den Jesus an sich selbst gehabt hat, der seine Wirksamkeit bis Zu seinem Tode beherrschte. Die messianiscken Erwartungen der Juden gingen auf die Erfüllung der prophetischen Verkündigungen von einer herrlichen Zukunft, die durch einen Sprößling Davids erhofft wurde, aber nichts von einem mit göttlichem Charakter ausgestatteten Wesen kannte. Dieses ist neu an Jesus; aber wir können