Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Was wollen die Antisemiten? [Rezension]
- Date
- 1905-02-01
- Page
- 120 (sequence 3)
- Language
- German
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120 Zm deutschen Reich. unterwerfen müßten, und zeigt durchaus richtig, daß die Juden zumal da, wo sie in größerer Masse beisammen sind, im Elende leben. Wenn die Christen die Juden des Wuchers anklagen, so hält er ihnen entgegen, daß sie selbst mit Sklaven, mit Menschenware, trotz ihres Christentums, Wucher getrieben hätten. Als Ludwig XI. das Wucher- Privileg der Juden im Mittelalter aufheben wollte, widersetzten sich die Reichsbarone, weil sie den Wucher der Klöster und Städte fürchteten. An den Banksefraudationen der letzten Jahre in Deutschland war kein Jude beteiligt. Jüdisches Kapital hat oft in Zeiten der Not Hülfe gebracht. Das ist gewiß wahr; aber die Behauptung, daß die Juden mit ihrem Kapital soziale Werke geschaffen, während die Christen keinen Finger gerührt haben, ist maßlose Uebertreibung. Professor Abbe in Jena, um nur diesen für alle Zeiten leuchtenden Namen zu nennen, war Christ. Dem abgedroschenen Vorwurf, daß die Juden die produktive Arbeit scheuen, stellt der Autor die wichtige Tatsache entgegen, daß z. B. in dem Bergwerke von Nowosielitza nur Juden arbeiten. Die Erzeugniffe jüdischen Gewerbefleißes findet man um so häufiger, je weiter man nach Süden und Osten kommt. Der zweite größere Abschnitt ist dem geistigen und sittlichen Leben der Juden, ihrer Religion gewidmet. Der Autor spricht von dem Messianismus als einer siegesfrohen Zeitreligion im Gegensatz zu der nur einzelne Auserwählte protegierenden Gnadenreligion, von der Bedeutung des die körperliche, geistige und moralische Gesundheit fördernden „Gesetzes", das als Vorläufer der heutigen sozialen Gesetzgebung zu betrachten sei, von dem Talmud, an dem festzuhalten er die Juden ermahnt, über den Sabbat — die Sabbatlichter machen ihm einen weihevolleren Eindruck als das Glockengeläute — von dem Nutzen der Beschneidung; er preist die Heiligkeit des Eides bei den Juden, zu dem der Andersgläubige sich leichtfertig herbeilasse, die jüdische Gewissenhaftigkeit (hier versteigt sich der Derfaffer zu der unerhörten Behauptung, daß bei Andersgläubigen das Gewissen nur durch den Zwang des Strafgesetzes im Zaum gehalten wird); er schildert die jüdische Ehe, das Familienleben; er rühmt die geistige Freiheit der Juden im Gegensatz zum Katholizismus, und den jüdischen Unterricht; das Kompliment, daß die jüdischen Lehrer größere Geistesgaben haben als andere, müssen wir ebenfalls dankend zurückweisen. Eine historische Abhandlung ist dem Ritualmord gewidmet, dieser teuflischsten Verleumdung von Christen gegen Juden, und eine ethnologische der Rassenfrage, die von den Antisemiten nur deswegen aufgeworfen wird, weil der „Schwindel mit Glaubenssachen sich heute nicht mehr so rentiert wie früher", die noch verlogener ist, als alles andere, was