Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-02-01
- Page
- 94 (sequence 14)
- Language
- German
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94 Zm deutschen Reich. seinen Beruf darin erblickt, als antisemitischer Agitator das Volk gegen die Juden aufzuhetzen, wird schließlich auch eine Art Nihilist, der Attentate auf die — Wahrheit verübt." Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit, davon gibt das Verhalten des judenfeindlichen Beamtentums in Rußland die deutlichsten Beweise. Statt durch eine geordnete-Rechtspflege, Verleihung einer Verfassung, menschenfreundliche Sozialreformen und schonungslose Tilgung der tiefeingefressenen Korruption das durch und durch kranke Staatswesen gesunden zu lassen, glauben die Leiter des russischen Staates durch drakonische Gewaltsmaßregeln das durch den unglücklichen Krieg in Asien völlig aus den Fugen geratene Riesenreich wieder halten zu rönnen. Die russischen Blätter, welche die schnöden Rechtsverletzungen im Howeler Prozesse an die Oeffentlichkeit brachten und brandmarkten, sind gemaßregelt worden, aber iw russischen Volke werden Unzählige derselben Meinung sein wie das unterdrückte Blatt „Nascha Schisny" („Unser Leben"), welches sagte: „Der Homeler Prozeß wird die Illusionen der Juden nicht zerstören, weil sie schon längst keine Illusionen haben. Die russische Gesellschaft verliert aber in diesem Prozeße eine ihrer besten und letzten Illusionen. Wie an einem Strohhalm hielt sie fest an dem Glauben, daß sogar in einem rechtlosen Milieu die Göttin Themis ihre stolze innere Freiheit bewahrt hat. Das Gericht von Homel bedeutet den endgiltigen Bankerott dieses Glaubens. Der Prozeß von Hornel ist kein Prozeß über die Juden, sondern über die russische Justiz." Ueber die russische Verwaltung wird man in unparteiischen Kreisen kaum anders urteilen, wenn man vernimmt, daß General Trepow, der jetzige russische Diktator, für die Empörung in Rußland die Juden verantwortlich machen will und hervorragenden Juden gegenüber unverblümt mit der Anfachung oder Duldung neuer Judenhetzen gedroht hat, wenn sich noch weiterhin Juden an den Brbeiterunruhen beteiligen sollten. Wie nach dem Jahre 1848 in Preußen von den verbohrtesten Reaktionären alles Nebel den „Juden und Franzosen" in die Schuhe geschoben wurde, so glauben Trepow und seine Verehrer das über Rußland hereingebrochene Unheil zu beseitigen, wenn sie es auf Machinationen der „Juden und der Engländer" zurückführen. Damit erreicht Trepow für Rußland nichts, für sich höchstens die Sympathie der Antisemitenpresse, die jetzt den christlichen Priester Gapon, für dessen Fanatismus sie anfangs kein Wort des Tadels hatte, mit Schimpfryorten traktiert und ihm urplötzlich eine jüdische Abkunft andichtet. Die Geschichtsfälschung war zu allen Zeiten eine Lieblingsbeschästtgung der Finsterlinge und