Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-02-01
- Page
- 92 (sequence 12)
- Language
- German
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SS Im deutsche» Reich. gegen das Christentum gründlich verbitten, dann werden wir ihm unsere Hilfe gegen die Uebergriffe von christlicher Seite nicht versagen. Aber selbst nur Rechte begehren und dem anderen bloß die Pflichten überlasten, ist nicht gerade ein Zeichen von Bescheidenheit/ Vielleicht teilen uns die beiden katholischen Redakteure mit, wie der Central- Verein es anstellen soll, mit den nur von den Antisemiten als jüdisch angesprocheneu Blättern reine Bahn zu machen. Wir meinen „sie vergessen und übersehen anscheinend geflissentlich", daß sie selbst, wenn sie so bodenlos gegen die Juden hetzen, die katholischen Ansprüche auf Parität wahrlich nicht fördern. Für das Städtchen Budsin im Regierungsbezirk Bromberg verlangte kürzlich der Magistrat in Berliner und Danziger Blättern die Niederlastung eines „evangelischen" Arztes, obgleich in Budsin unter den 2000 Einwohnern sich viele zur katholischen Religion bekennen. In der Nr. 4 der „Aerztlichen Mitteilungen" vom 27. Januar zeigt der Stellen-Nachweis deutlich, wie der „Konfesstonalismus" gerade im ärztlichen Fach überhand nimmt. Er boykottiert bereits nicht mehr allein die jüdischen Aerzte — sondern auch die katholischen. Trotzdem hat ein großer Teil der katholischen Preste nichts gegen den schmählichen Boykott einzuwenden; er übersieht lieber die Zurücksetzung ihrer eigenen Glaubensgenossen, weil ihm die Schädigung zahlreicher tüchtiger Wettbewerber auf dem Gebiete der Heilkunde überaus wertvoll zu sein scheint. Vielleicht verwendet er aber doch einmal etwas Aufmerksamkeit auf nachstehende Nummern der Vakanzen: 1931 Reg.-Bez. Caffel, Pr. Arzt, Evangel.; 1936 Prov. Brandenburg, approb. evangel. K.; 1938 Ebendas. Ast. Lutherisch; 1901 Reg.-Bez. Erfurt, Vakante Stelle, Kath.; 1911 Sachs. Mein., Pr. Arzt, Evangel.; 1912 Prov. Hannover, Pr. Arzt, Evangel.; 1939 Pr. Schief., Pr. Arzt, Evangel.; 1943 Oldenburg, Pr. Arzt, Evangel. usw. usw. Im Lehrfach dürften ähnliche Verhältniffe herrschen; die „Germania'" und die „Märk. Volkszeitung" scheinen aber auch der Meinung zu sein, daß in einer Schule, die 76 evangelische, 5 katholische und 3 jüdische Schüler zählt, nur ein evangelischer Lehrer denUnterricht in den mit dem Religionsbekenntnis vielleicht auf „mystische" Weise verketteten Fächern der Mathematik und der Naturwissenschaften erteilen dürfe! Fast möchte man glauben, daß die Aeußerung des Abg. Lenzmann, er sei „nicht dumm genug, um Antisemit zu sein", eine tiefere Bedeutung habe. Trotzdem in Oesterreich zuerst die Behauptung aufgestellt worden ist, daß der Antisemitismus der „Sozialismus der dummen Kerle" sei, spielt in Wien der antisemitische Bürgermeister vr. Lueger, dank der Unterstützung der Klerikalen, noch immer die erste Rolle.