Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-02-01
- Page
- 90 (sequence 10)
- Language
- German
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90 Im SesljHen Nerih. Parteien wieder zu dem Zwecke zusammenstnden, der Regierung zu künden, daß der wahre Volkswiüe mir dem Kaiserwort übereinstimmt, daß „Recht Recht bleiben muß", wird jenes ftzr einen Kultur- und Rechtsstaat unerläßliche Gesetz eine Wahrheit werden. Fast scheint es, als ob die Zentrumspartei im Begriffe stünde, zu erkennen, daß sie als Vertreterin einer Bevölkerungsminderheit unpolitisch gehandelt habe, wegen einer Anzahl bäuerlicher Stimmen sich von dem Wege zu entfernen, auf dem sie unter Leitung von Männern wie Windihorst und Lieber Hochachtung und mächtigen Einfluß erlangte. Auf der im Januar in München abgehaltenen Versammlung von Delegierten der Zentrumspartei gelangte der von dem Rechtsanwalt v. Haag und dem Freiherrn von Schorlemer vertretene Antrag des Traunsteiner Volkvereins, „das Zentrum solle in fein Wahlprogramm den Kampf gegen den zersetzenden Einfluß des Judentums aus das Volksleben aufnehmen" zur Beratung. Dieser Antrag wurde selbst von dem keiner Vorliebe für die Juden verdächtigen Abg. vr. Heim auf das lebhafteste bekämpft und vom Delegiertentag abgelehnt. Das antisemitische Münchener „Deutsche Dolksblatt" teilt darüber mit: „Die an Stelle des Antrages angenommene Resolution, welche wirksames Einschreiten der Staatsgewalt gegen jede gemeinfchädliche Erwerbstätigkeit und gegen die undeutfche Verletzung von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr, gleichviel von welchem Stand und welcher Konfession sie betrieben wird, verlangt, ist so nichtssagend und wertlos wie möglich. Uns hat das Schicksal des Traunsteiner Antrages selbstverständlich nicht im geringsten überrascht, wir wären vielmehr erstaunt gewesen, wenn sich der Delegiertentag für den Antrag entschieden hätte. Wer vom Zentrum etwas anderes als Wassersuppen erwartet, befindet fich gründlich auf dem Holzwege. In der Judenfrage entwickelt sich die Partei, seit der Berliner Wind die Segel des Zentrums schwellt, in ausgesprochen philofemitischem Sinne, so daß der sei. „Tränkchenbrauer von Montabaur", Dr. Lieber, noch im Grabe feine Freude daran haben könne." Diese Aeußerung ist so widersinnig als pietätlos; sie entspricht vollständig der antisemitischen Denkungsweise, wonach jeder ein „Philofemit" ist, der nicht dem antisemitischen Moloch seine Grundsätze und sein Geld opfert. Von Judenfreundlichkeit hat man im Zentrum noch nichts bemerkt; man erwartet sie auch gar nicht und ist zuftieden, wenn sich diese einflußreiche Partei nicht mit den politischen Fraktionen einläßt, die den Bruch verbriefter Rechte anstreben. Dazu scheinen die Leiter des Zentrums allerdings die Lust verloren zu haben, und sie wiffen auch, warum. Als kürzlich ein jüdisches Fachblatt beiläufig