Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-02-01
- Page
- 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 Zm deutschen Reich. Mißstimmung nicht habe voraussehen können. Daraus deutet unverkennbar ein in dem nationalliberalen „Leipziger Tageblatt" unter dem Titel „Der Kronprinz" veröffentlichter Artikel hin, dem wir nachstehende Ausführungen entnehmen: „Bei Hofe ist man nicht im Unklaren darüber, daß der „Verein deutscher Studenten" den Antisemitismus auf sein Banner schreibt. Hielt der Herr, der den Kronprinzen berät und informiert, den Besuch des Festes für unbedenklich, so wußte er sich doch über den Charakter des offiziellen Teils unterrichten, und die Unterlassung antisemitischer Demonstrationen als die oonäitio 81116 qua non formulieren. Die Juden sollen nicht etwa sakrosankt sein; es kann notwendig sein, ihre Fehler zu beleuchten, wenn diese Fehler wirklich typisch sind, und wenn das allgemeine Interesse eine solche Kritik erfordert. Wir halten es aber für taktlos, bei festlichem Anlaß in Gegenwart des künftigen Herrschers gegen das „Judentum" schlechthin zu polemisieren, mit anderen Worten, diesem künftigen Herrscher eine ganze durchaus ehrenwerte, königstreue, staatserhaltende Klaffe zu denunzieren. Daß die Herren 8tuäio8i die Ungeschicklichkeit dieses Verhaltens nicht gefühlt, nicht geahnt haben, wie peinlich die Situation für den Kronprinzen sein mußte, beweist, wie unreif sie noch sind. Einer der jungen Herren (cand. theol. Lorentzen) erklärte in feuchtfröhlichem Teutonismus, „man müsse dem Judentum absagen". Der Kronprinz hatte, bevor diese Aeußerung ftel, die nationalen Tendenzen des Vereins rühmend erwähnt, und wenn nicht ein junger Schwärmer, sondern ein alter Diplomat gesprochen hätte, so läge die Annahme nahe, der Redner habe inter pocnla den künftigen Kaiser auf den Antifemitiemus festlegen wollen. Denn natürlich gab der fürstliche Gast keine Mißbilligung zu erkennen, und so können diejenigen, die Interesse an solcher Deutung haben, mit einem Schein des Rechtes das alte Wort „Wer schweigt, stimmt zu" in Anwendung bringen. Sehr wahrscheinlich wäre diese Auslegung gänzlich irrig, denn Persönlichkeiten aus höchster Sphäre sind selten überzeugte Antisemiten. Ihre Anschauung vom Judentum ist im besten Falle eine rein literarische, auf den Shylock-Typ gegründete und durch den weisen Nathan versöhnend ergänzte. Zudem sind Vater und Großvater des Kronprinzen dem Rezepte Lessings treu geblieben; sie haben immer jener „unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe" nachgeeisert, die uns der Dichter anempfiehlt, um dutch sie den ewigen Frieden zwischen den Konfessionen zu begründen. Zum Glück ist — ausnahmsweise! — des Dichters Lehre auch die Maxime, die die Staats-