Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-01-01
- Page
- 30 (sequence 11)
- Language
- German
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30 Im deutschen Reich. in Könitz und Kischinew durch unsinnige Blutmärchen die schlimmsten Erregungen und Ausschreitungen verursacht, und zwar gerade die Tüten verübt worden, zu denen Graf Pückler sein Publikum aushetzte. Es ist für die Gemißhandelten furchtbar gleichgiltig, ob sie von Verrückten oder Gesunden gepeinigt werden. Vor allen Dingen aber ist es die Pflicht aller Liberalen, dagegen Einspruch Zu erheben, daß in einem einzelnen Fülle das Gesetz — gleichviel, ob es gut oder schlecht, notwendig oder entbehrlich ist — nicht Zur Anwendung gelangt. Und diese Tatsache, die durch das verspätete Einschreiten der Behörden ihre Bestätigung gefunden hat, ist wichtig genug, um vor dem höchsten Forum der -Ration erörtert zu werden. Wer das unwürdig nennt, dem fehlt das Verständnis für die obersten Grundsätze unseres Versassungslebens. Der Reichstag ist nicht nur dazu da, Magenfrageu Zu behandeln, sondern seinen Mitgliedern liegt es ob, darüber zu wachen, daß die großen idealen Güter der Nation nicht geschädigt werden. Es gibt aber keine ernstere Schädigung als eine verschiedene Anwendung des Gesetzes.^ — Sehr bedauerlich ist es, daß der „Vater des Antisemitismus", der ehemalige Hotprediger Sröcker, selbst nach dem Antritt des siebzigsten Lebensjahres noch den Versuch gemacht hat, die von ihm angesachte „Berliner Bewegung" dadurch wieder empor Zu bringen, daß er sie in eine sogenannte „christlich-nationale Arbeiterbewegung" umwandelte und außerdem die vorhandene Jugend-Organisation für den Antisemitismus Zu gewinnen suchte, wobei er natürlich auf den Widerstand der sozialdemokratischen Führer stieß, die bei der Jugend ebenfalls Propaganda für ihre Lehren machen. Bei diesem „Kampf um die Jugend", der nach einer Aeußerung des neuen Stöcker-Organs „Reich" „bereits an die lebendigsten Zeiten der Berliner Bewegung" erinnert, wird nur der Unfrieden in der Reichshauptstadt aufs neue geschürt, und die „Pücklerei" in etwas versüßter Mischung der hauptstädtischen Jugend eingeimpst, so weit sie nicht durch.einen gesunden Menschenverstand dagegen immun ist. Die Berliner Bevölkerung, die sich an der ihr von dem Dreschgrafen lange genug gebotenen starkge-vürzten Kost den Magen nicht verdorben hat, wird kaum mit der matten Limonade der pseudonationalen Stöckerei ihren Wissensdurst stillen. Sie unterscheidet sich aber durch ihre kritische Veranlagung äußerst vorteilhaft von der Mehrheit der Bevölkerung Wiens, die mit der österreichischen Gemütlichkeit eine solche Gedankenlosigkeit verbindet, daß man ihr die haarsträubendsten Dinge zu bieten imstande ist. Sie bejubelt den