Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-01-01
- Page
- 22 (sequence 3)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. mit Recht hinzu, daß diese auch sehr düstere Seiten habe und für den Mittelstand eine große Gefahr jefr aber „man dürfe doch nicht vergessen, daß oft durch diese Assoziation alle großen Verkehrseinrichtungen und Kultureinrichtungen erreicht werden seien, in welchen kapitalarme Staaten noch weit zurück sind/' Schlagender sind kaum je die wirLschaftspolitischen Behauptungen der antisemitischen Volksredner widerlegt worden, mit denen diese in den letzten Jahrzehnten die rohesten Ausfälle gegen die Juden zu verbinden pflegten, welche sie, selbstverständlich ohne Grund, samt und sonders als Träger des Kapitals betrachteten oder doch hmzustellen versuchten. In Wirklichkeit sind doch statistische Beweise dafür vorhanden, daß die Juden infolge der ihnen auferlegten drückenden Beschränkungen im ganzen deutschen Reiche durchschnittlich ärmer, als ihre christlichen Mitbürger sind, und daß nur in den Großstädten die durchschnittliche Vermögens- Ziffer der Juden sich beständig erhöht, wci! Len vermögenden Staatsbürgern jüdischen Glaubens das Verbleiben in den kleinen Städten und aus dem Lande durch das im gesellschaftlichen und gesckäftllchen Leben sich kundgebende bornierte Vorurteil immer mehr verleidet wird. Daß ihre Mäßigkeit, Sparsamkeit. und ihr Familiensinn die Fähigkeit Zur Kapitalbrldung fördern, ist zweifellos, aber dies ist für die Städte, in denen sie wohlgelitten sind, nur von Vorteil- Schon im Mittelalter, Zur Zeit des ärgsten religiösen Fanatismus, haben viele deutsche Stadtverwaltungen diese Fähigkeit geschätzt und immer kurze Zeit nach einer Judenausnmbuug wieder von dem Kaiser flehentlich das Recht erbeten, Juden halten zu dürfen. Ohne Gleichberechtigung aller Bürger gibt es heute erst recht keine Volks-oohlfahrL, ohne gewerbliche Freiheit keinen Volkswohlstand. Wenn das, was Graf Posadowsky im Reichstage erklärte, keine leeren Worte waren, wenn die Staatsleituna wirklich an dem Gedanken festhielte: „Die Gewerbefreiheit ist Zusammen geboren worden mit der Redefreiheit und mit der Preßfreiheit", dann würden bessere, lichtvollere Tage kommen, nicht nur für die deutschen Juden, sondern für das ganze deutsche Volk! Auf den Beifall der Freunde des Rückschritts, der Agrarier, Mucker und Judenhetzer hat der Staatssekretär des Innern wohl nicht gerechnet, als er ein Programm entwickelte, bei dem nur die Wohlfahrt des gesamten Volkes, nicht das Wohlbehagen weniger Kasten erstrebt wird. Es wird ihn deshalb apch nicht anfechten, daß ihn die „KreuZwitung" als einen „Manchester-Politiker", die agrarische „Deutsche Tageszeitung" als einen „Schrittmacher der Sozialdemokratie" hinstellt, und daß bäuerische Antisemitenblälter sich