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Im deutschen Reich · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. 13

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Der Staat als Seelenverkäufer
Date
1905-01-01
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Der ©tarn als Seeleuvert-ufer- 18 Christliche Gesinnung! Und wer sie nicht hat, der kann sie sich ja kaufen. Ein paar Tropfen Taufwasier machen aus dem verstocktesten Semiten einen lieben Bruder in Christo, sie machen aus dem „unqualifizierten" Einjährigen einen schneidigen Reserveleutnant, sie verwandeln den unfähigsten Assessor in einen hoffnungsvollen Amtsrichter. Und so mit Grazie ad infinitum. Spaßhaft so etwas! Oder doch nicht? Nein, ernsthaft, verdammt ernsthaft ist die Geschichte, und wenn die, die es angeht, nicht mit moralischer Blindheit geschlagen wären, würden sie sich vor dieser Ernsthaftigkeit entsetzen. Denn diese paar Tropfen Taufwaffer machen den raffenechtesten Juden nicht nur zu einem taktfesten Christen, sie machen auch zugleich einen bis dahin ehrlichen Mann zu einem Gesinnungslosem Wäre es indes nur um den Einzelnen, es möchte noch hingehen. Ist es doch im Grunde eines jeden eigenste Sache, ob ihm sein heiligster und unantastbarster Besitz, die Achtung vor sich selbst, feil ist. Hier aber handelt es sich nicht nur um den Einzelnen, sondern jede aus selbstischen Motiven erfolgende Taufe wirkt, besonders wenn der Erfolg dem recht gibt, gleich einer Brunnenvergiftung. Da ist zuerst der Täufling selbst. Wie mag er sich, ganz abgesehen von der Einbuße an Selbstachtung. Vorkommen, wenn er sieht, daß ihm ein äußerlicher Akt das m den SÄoß wirft, was all sein Wissen und Können chm nicht brachte? Und sein Mitbewerber, der sich nicht zur Taufe entschließen konnte? Er besitzt zweifellos die größere Charakterfestigkeit, die vornehmere Gesinnung. Aber weil er es verschmäht, um äußerer Vorteile willen seinen Glauben zu wechseln, geht das Leben über ihn hinweg. Der Gesinnungslcse steigt, der wertvolle Mensch geht Zugrunde. Mir kommt ein bezeichnendes Beispiel. Zwei jüdische Referendare legten gleichzeitig ihr Staatsexamen ab, beide mit der Absicht, in den Staatsdienst zu gehen, der eine, ein gänzlich unfähiger Mensch, der nur mit Mühe durchgekommen war, der andere ein ausgezeichneter Jurist, der sein Examen mit Note I bestanden hatte. Der Dummkopf ließ sich taufen, und — die Anstellung als Amtsrichter folgte auf dem Fuße; der andere fand einen solchen Handel „minder anständig" und Zahlte für seine anständigere Gesinnung mit einem Schattendasein, das ihm viel Arbeit, aber nicht die Möglichkeit brachte, die richterliche Praxis auszuüben. Der Weg dazu wurde ihm noch verschiedentlich recht nahe gelegt; er konnte sich nicht d-zu entschließen, ihn zu gehen, und zog es vor, sich selbst getreu, d. h. im Schatten zu bleiben.

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