Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Der Staat als Seelenverkäufer
- Date
- 1905-01-01
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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1.2 Zur deutschen Reich. Lebens Notdurft zu erringen, entspringt. Beispiele für solchen Gewissenszwang sind billig wie die Brombeeren. Es sei hier nur an die Brutalitäten erinnert, die der saarabische Prozeß enthüllt hat, oder die Art, wie da und dort Wahlresulrale zustande kommen, und wie das Bestreben, Herr im Hause zu bleiben, manchen Industriellen zu den brutalsten Mitteln greifen läßt. Derlei wirkt korrumpierend, und zwar nach beiden Seiten. Man täusche sich nicht darüber. Gleichviel, ob man eine Erg-benheitsadresie unterzeichnen oder, um nicht Hungers zu sterben, seine innerste Ueberzeugung verheimlichen muß: ein Rest von Unbehagen und Scham bleibt zurück und frrßt wie ein Wurm an der Seele jedes ehrlichen Mannes. Und wieviel politische und schließlich auch persönliche Un ehttichkeit wird bei denen großgezogen, die als Diener des Staates oder Beamte des Großkapitals diese Saat der Falschheit ausstceuen, die Ernte der Lüge einheimsen müssen! Doch das ist nicht zu ändern. Niemand kann über seinen eigenen Schaden springen, und dieser Verlust an Integrität des Charakters, düse Unwahrhafttgkeit und Rückgratlosigkeit sind die natürlichen Begleiterscheinungen des feudal-k pitaliftischen Regimes. Schlimmer aber noch, wenn der Staat zu dieser, in seiner derzeitigen Struktur begründeten Korruption eine andere fügt, die durchaus selbstgewollt ist und langsam, aber sicher die Grundmauern der staatlichen Ethik unierwühlt. In den Augen aller „Gutgesinnten,, verkörpert der Staat die Quintessenz der Gottesfurcht und frommen Sitte. Er ist der Hort der Pflichttreue und Charakterstärke, so reckt der Inbegriff alles Vorwärts- und Aufwärts strebens zu den Höhen unbefleckter Tuaendhafrigkett. Und dieses Mustergebilde ist christlich. Es ist so christlich, daß es jede Andersglänbrgkeit wie einen fremden Tropfen im Blute empfindet und sorgfältig anomerzt. Aber die fortgeschrittene Kultur legt Verpflichtungen auf. Die spanische Inquisition, dies Radikalmittel der Ausmerzung, ist denn doch nicht mehr zeitgemäß. Auch auf eine Linie mit Rußland möchte man nicht so öffentüch und geradezu gestellt sein. Und um das Unglück voll zu machen: in den meisten landständigen Verfassungen findet sich irgendwo ein Passus/daß alle Bürger vor dem Gesetz gleich senn, und keinerlei Unterschied wegen des Glaubens gemacht werden dürfe. Das ist fatal, und als einziger Ausweg aus diesem Dilemma bietet sich neben der nuancenreichen Auslegung und Handhabung der Gesetzesbestimmungen „auf dem Verwaltungswege" der sanfte Druck, den man auf Andersgläubige ausübt, um sie von der Dortrefflichkeit christ-