Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Der alte Prager Judenfriedhof [Rezension]
- Date
- 1904-12-01
- Page
- 695 (sequence 3)
- Language
- German
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Bücherschau. 695 nachher von neuen', angelegt werden mußte. Er hat im Laufe der nächsten Jahrhunderte Erweiterungen erfahren und ist bis zum Jahre 1787, wo durch Erlaß Josephs H. auf den Plätzen innerhalb der Stadt die Beerdigung der Toten untersagt wurde, belegt worden. Doch viel interessanter als die äußere Geschichte dieser Ruhestätte ist die Fülle historischer Erinnerungen, welche durch die Inschriften der bemoosten Friedhoffteine in uns geweckt werden. Denn sie überliefern uns vielfach das Andenken an Männer, die — wie der Verfasser mit Recht betont — sich nicht bloß in dem Volk, aus dem sie hervorgegangen und dem sie eine Zierde waren, hervorragend betätigt, sondern die sich durch ihre Taten überhaupt über die Durchschnittserscheinungen ihrer Zeit erhoben haben. Der Besprechung der Bedeutendsten unter diesen Persönlichkeiten ist das längste Kapitel der Arbeit, das sechste, gewidmet. Der unzweifelhaft älteste Original - Grabstein bezeichnet die Gruft des Abigdor Kara, eines der letzten altsynagogalen Dichter. Er hatte i. I. 1389 die furchtbare Judenverfolgung in Prag mitangcsehen. Seinem Schmerze über den Jammer und das Elend, das seine Augen schauen mußten, hat er in einem tief empfundenen und doch so schlicht gehaltenen Klagegesang* *) Ausdruck gegeben, der zu den unvergänglichen Zeugnisien gehört, die bis in die spätesten Jahr- Hunderte die unmenschlichen Gewalttaten der früheren Zeiten verkünden werden. — Nach ganz anderer Seite liegt die Bedeutung des 1591 verstorbenen Mordechai Zemach, dessen Grabdenkmal nicht weit von dem Abigdors entfernt ist. Er war Besitzer einer weithin be kannten Buchdruckerei. Seine Familie stammte aus Oberitalien, wo die Juden schon 1477 diese Kunst ausübten. Als Kaiser Ferdinand I. der die Juden mit starkem Haffe verfolgte, sie i. I. 1561 durch ein — Wie schwierig übrigens oft die Entzifferung der viele Jahrhunderte alten Grabsteine ist, zeigt auch das Beispiel des Wormser Friedhofes. In seiner Publikation ,60 Epitaphien von Grabsteinen des israelitischen Friedhofes zu Worms" (1855) hatte der Rabbiner Lervysohn in Nr. 1 als Jahreszahl 900 gelesen. Bei einer kürzlich vorgenommenen Nachprüfung hat sich herausgestellt, daß L. an einem Buchstaben das Häkchen nicht erkannt hatte, das nur mit den Fingern noch zu fühlen war, durch welches aber der Zahlenwert ein ganz anderer wird, sodaß der Stein etwa 200 Jahre später anzusehen ist. *) Das Gedicht liegt in einer mustergiltigen Uebersetzung von Zunz vor und ist u. a. auch in der Anthologie neuhebrüischer Dichtungen in deutschen Uebertragungen, die von KarpeleS unter dem Titel: ZionSharfe herausgegeben ist, abgedruckt (s. ebenda S. 282).