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Im deutschen Reich · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. 694

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Der alte Prager Judenfriedhof [Rezension]
Date
1904-12-01
Page
694 (sequence 2)
Language
German
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694 Im deutschen Reich. zwingt, wird uns in den ersten drei Kapiteln ein wohlgezeichnetes Bild des Inneren dieses Gartens vor Augen gestellt. Wir sehen ihn an einem schönen Maitage, wo die dichten zu Laubengängen sich schließenden Hollnndersträuche in herrlichster Blüte stehen; wir schauen ihn dann fünf Monate später wieder, wo über den kahlen Wipfeln der Bäume und den aus dem Halbdunkel der Dämmerung gespensterhaft hervorragenden Gedenksteinen schwere Wolken lagern, die sich tiefer und tiefer senken und den Besucher zu erdrücken drohen. — Gern hat von jeher die Phantasie des- Volkes die Ruheplätze der Toten mit Sagen umwoben, so knüpfte sich auch an den Prager altjüdischen Friedhof eine große Zahl solcher. Eine kleine Auslese gibt uns der Verfasser im vierten Kapitel. Eine dieser Erzählungen handelt von dem weisen Rabbi Jarchi, mit dem kein anderer als der berühmte Raschi*) gemeint ist, über den schon im Mittelalter viele Legenden verbreitet waren. Auch was die Zeit der Entstehung des Friedhofes angeht, ist die Sage nicht müßig gewesen. Sie verlegte die Anlage desselben in das graue Altertum, freilich ohne jede Spur eines Anhaltes. Dagegen schien die Annahme, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unerschüttert blieb, daß auf dieser Stätte schon im 7. Jahrhundert Juden beerdigt worden seien, durch einen Grabstein, aus dessen Inschrift man mit Sicherheit das Jahr 606 herauslas, wohl gestützt. Erst die paläographischen Untersuchungen des berühmten Prager Oberrabbiners Rapoport**) haben gezeigt, daß dieser Stein, wie auch zwei andere, die aus den Jahren 942 und 980 stammen sollten, dem Anfänge des 17. Jahrhunderts angehören. Doch bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts reicht tatsächlich — wie aus den Darlegungen des Verfassers, die freilich knapper und zum Teil auch klarer gefaßt sein konnten (z. B. S. 24 zweiter Absatz), hervorgeht — die Benutzung dieses Ortes als Begräbnisplah zurück. Als dann im Jahre 1389 bei einer Judenverfolgung in Prag die Judenstadt verwüstet und zerstört wurde, ward der Friedhof so zugerichtet, daß er ) Der B. hätte meines Erachtens gut getan, in der Anmerkung (S. 10), in der er von Raschi spricht, für diejenigen seiner Leser, die mit der Geschichte des jüdischen Mittelalters wenig vertraut sind, einige kurze Bemerkungen über das Leben und Wirken dieses Mannehinzuzufügen **) Unbeschadet der großen Verdienste Rapoports um die wissenschaftliche Erkenntnis des jüdischen Altertums scheint es mir eine Verkennung der Bedeutung unseres großen Leopold Zunz, wenn Rapoport als Begründer des modernen Studiums der jüdischen historischen Wissenschaften (S. 16) bezeichnet wird, ohne daß zugleich auch Z.'S gedacht wird.

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