Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1904-12-01
- Page
- 685 (sequence 2)
- Language
- German
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DerelnSnachrichten. 685 den Aufblick zum ewigen Reich hinzu, um nach jüdischer Art einen Abschluß mit der Erwähnung des Bösen zu vermeiden. Noch deutlicher wurde der jüdische Ursprung der Version des Matthäus-Evangeliums dadurch bewiesen, daß der Vortragende Satz für Satz mit Parallelstellen aus dem Propheten Ezechiel vortrug und aus diesen nachwics, wie das Sprengen mit reinem Wasser, die Taufe, von dem Propheten als die Wirkung des heiligen Geistes, diese Wirkung aber als das Vorzeichen der Auferstehung der Tobten betrachtet wurde. Auf diese Symbolisterung führte der Redner auch die Tatsache zurück, daß der „Kaddisch", durch den jüdische Hinterlaffene ihre Toten ehren, nur die Verherrlichung des göttlichen Namens und der göttlichen Verheißungen, nicht aber irgend etwas direkt auf die Der» storbenen Bezügliches enthalte. Man könne nach alledem ruhig mit Harnack annehmen, daß das Vater-Unser- Gebet mit dem jüdischen Gebete blutsverwandt sei, in der Fassung des Evangelisten Matthäus den jüdischen Ursprung absichtlich nicht verleugne, daß es auch nicht zu dem Zweck geschaffen worden sei, ein Mustergebet für die Christen zu werden, sondern als Kind des Augenblicks, als ein Aufschrei einer bedrückten Seele zu Gott. Wenn es für Millionen unserer christlichen lichen Brüder ein Gegenstand heiliger Andacht sei, so gelte es uns als ein Ehrfurcht heischender Beweis dafür, daß Israel alle Kulturvölker beten gelehrt habe, nicht nur in einer mit dem Kaddisch verwandten Weise, sondern auch vielfach mit den Worten der Psalmistcn. In den Psalmen aber finden wir Juden für uns zahlreiche Worte des Trostes und der Erhebung auch jetzt unter vielfachen Bedrängnissen, so z. B.: „Sie haben mich gedrängt von Jugend auf, aber sie haben mich nicht Übermacht'/ Wenn zahllose Feinde uns umdrängen, so heben auch wir wie Moses bei dem Kampfe um Amalek die Hände zum Himmel empor, nicht um durch die Wunderkraft der Hände zu siegen, sondern zu siegen durch den Aufblick zum Vater im Himmel. So erhoffen wir auch den schließlichen Sieg durch die Kraft des jüdischen Gebets, aber nicht für uns, sondern für das ganze Menschentum, damit unser Gotteshaus nach dem Prophetenwort „ein Bethaus werde für alle Völker, damit wir dann mit allen guten Menschen gemeinsam den letzten großen Kaddisch anstimmen, der ausklingen soll in den Jubel: „Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich ist gekommen!" — Langanhaltender Beifall belohnte die von tiefer Gelehrsamkeit und warmer Emsindung durchwehten Ausführungen, und dann ehrte die Versammlung auf Veranlaffung deS Vorsitzenden dm Redner einmüttg durch Erheben von den Sitzen. — Hierauf bot Herr Rechtsanwalt vr. M. Horwitz einige ge«