Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-12-01
- Page
- 657 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 657 als er den Abgrund erblickte, an dessen Rand sein gräflicher Zögling umhertaumelte. Auf kurze Zeit war Graf Pückler von der Bildfläche der» jchwunden; bald kehrte er aber aus Süddeuischland wieder zurück, um in den Vororten, die dem Berliner Polizeipräsidium nicht unterstehen, seine Hetzereien wieder aufzunehmen. In einer Rede, die er in Spandau gehalten und dann im Druck verbreitet hat, schilderte er seine Ellebnisse wie folgt: „Vor einigen Tagen wollten mich die Kerle in Berlin in die Charite sperren; ich habe mich daher auf eine Weile dünn gemacht und bin verduftet aus der Stadt; und das war vielleicht ganz gut. Auf Anraten meiner Familie ging ich auf einige Tage in eine Nervenheilanstalt bei München, um mich dort untersuchen zu lassen und um den Beweis zu erbringen, daß ich noch ganz vernünftig sei. Ein politischer Führer darf vor nichts zurückschrecken, meine Herren; ich habe ja schon gebrummt im Gefängnis und aus der Festung, warum soll ich nicht einige Tage mal im Tollhause sitzen? Es war ja auch ganz gemütlich in der alten verfluchten Bude; ich war natürlich der einzig Vernünftige unter den ganzen verrückten Nestern (?), und der dortige Arzt konnte auch absolut keine Spuren von Wahnsinn bei mir entdecken, so sehr sich der Kerl auch Mühe gab, irgend ein Symplon der Verrückrheit zu konstatieren; ich habe daher die alte Bude nach einigen Tagen verlassen und bin wieder nach Berlin zurückgesahren, um den Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes fortzusetzen mit erneuter Kraft und Energie." — Bald darauf bereitete die „Pückler-Vereinigung", die über 200 Mitglieder zählen soll, ihrem aus der Nervenheilanstalt zurückgekehrten Führer einen feierlichen Empfang, bei dem Pückler einen Lorbeerkranz erhielt. Da Pückler keine Rede halten durfte, verlas der Vorsitzende, Buchdruckererbesitzer Mitsching, die von Pückler in Spandau gehaltene Rede. Dann aber nahm der Dreschgraf selbst das Wort, „um sich zu bedanken", aber auch dabei die bekannten Hetzereien in Eile vom Stapel zu lasten. Als dann der Arbeiter Weißenborn seinen „Vortrag" hielt, entstand ein allgemeiner Tumult, weshalb der Polizeileutnant zum Räumen des Saales aufforderte. Langsam und unter Hochrufen aus den Dreschgrafen zogen hierauf die Jünger von dannen. Ueber eine am 5. d. M. in Potsdam abgchaltene Pückler-Versammlung berichtet die „Potsd. Korresp.": „AlS bei der Eröffnung der Vorsitzende den Drefchgrafen mit Luther (!1) verglich, ertönte der Zwischenruf: „Bei Luther gabs noch keine Keile!", worauf der Vorsitzende erklärte, wer in Zukunft störe, fliege sofort raus. Graf Pückler begrüßte die Potsdamer als famose Kerle; sie