Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-12-01
- Page
- 656 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316726--13171-2334306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
656 Im deutschen Reich. den Antisemiten ist die Demagogie in fast verblüffender Weise ausgebildet; für sie ist die MiLtelstandspolitik das Mittel zum Zweck." Dann hielt der sozialdemokratische Abg. Pöus unter allgemeiner Heiterkeit dem Antisemitcn-Moniteur einen Spiegel vor, indem er ausführte: ,Man übersieht, daß in der „Staats. bürger-Zeitung", einem Organ der „Mittelstands-Antisemiten", in einem Inserat „den Lesern der Zeitung und den Parteigenossen, also der Pückler-Garde, 5 °/0 Rabatt versprochen werden. In dem Inserat der Firma Maaßen beißt es, daß bis zu 25 % unter dem regulären Wert abgegeben wird, in einem anderen Inserat sogar 50 0/0 unter dem regulären Wert, Mehr kann man doch wahrhaftig nicht verlangen. Also das spezifische Organ des Mittelstandes öffnet genau demselben Unwesen Tür und Tor, durch das angeblich der Mittelstand ruiniert wird." Diese Wahrnehmungen find sicher nicht nur von den Sozialdemokraten gemacht worden; die Mehrheit der an den Stadtverordneten- Wahlen sich beteiligenden Berliner Bürgerschaft, die doch dem Mittelstände angehört, ist ebenso davon überzeugt gewesen, daß die antisemitischen Politiker die letzten sind, welche dem Mittelstände aufhelfen können, weil sie es nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen, daß bei der jetzigen wirtschaftlichen Bewegung Kapital und Arbeit aufeinander angewiesen sind und das Handwerk gar nicht zum Aufschwung kommen kann, wenn man es mit mittelalterlichen eisernen Ketten belastet oder wieder den Burgbewohnern zu Knappen- oder Frondiensten verpflichtet. Nur in der Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger beruht die Bürgschaft für die Dolkswohlfahrt, die bei der Beschränkung einzelner Volksschichten nie zur Mute gelangen kann. In der Zunahme dieser Erkenntnis ist der Grund zu suchen, daß alle Bemühungen der sogenannten „Bürgerpartei" bei den im November in Berlin stattgehabten Stadtverordneten- Wahlen, einen Vertreter ihrer rückschrittlichen Anschauungen wieder in das Rote Haus zu bringen, scheiterten, nicht aber in der Furcht der kleinen Gewerbetreibenden vor dem Boykott des Judentums und der Sozialdemokratie, auf den die „Staate bürger-Zeitung" den wesentlichen Stimmen:ückgang der antisemitischen Wähler im 30. Berliner Kommunal-Wahlbezirke zurückzuführen sucht. Es wäre auch wunderbar, wenn die in der sogenannten „Bürgerpartei" enthaltenen strengmonarchisch-gesinnten Beamten und Handwerker nicht dazu gelangen würden, sich dem Banne der „Staatsbürger-Zeitung" zu entziehen, deren Besitzer den exaltierten Grafen Pückler erst auf dm abschüssigen Weg geleitet hat, aus dem er dazu gelangen mußte, mit den „roten Kerlen" und sogar mit d.n „Einbrechern" anzubandeln, sich selbst aber salvierte,