Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Berlin
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 615 (sequence 5)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 6lö Staatsangehörige. Bis zum Anfang der achtziger Jahre ließ die Verwaltung mit gewissen Beschränkungen zu, daß der Abfluß -von Jaden aus den Ostmarken nach Westen sich durch Zuwanderung über die östliche Grenze bis zu gewisiem Grade ausglich. Dann, der gegen die Juden beginnenden Strömung nachgebend, sperrte sie die Grenze für Neueinwanderer, wies selbst Familien, die 20 Jahre, ohne den geringsten Anstoß zu geben, in Deutschland gelebt hatten, über die Grenze zurück und fahndete auch in der Folgezeit auf jeden russischen oder österreichischen Juden, der etwa den staatsgefährlichen Versuch machen wollte, auf preußischem Boden sich dauernde Beschäftigung zu suchen. Im Laufe der Jahre ist an manchen Orten die Handhabung dieser Maßregeln vielleicht etwas milder geworden; sachlich werden sie aber auch heute noch durchgeführt. Jetzt beginnen die unerwünschten Folgen sich in den Ostmarken zu zeigen. Daher wird von neuem kühl zu erwägen sein: ist die Einwanderung von Juden über die Ostgrenze dem Staat überwiegend schädlich oder überwiegend nützlich? Schädlich wäre sie insofern, als durchschnittlich die Juden der östlichen Nachbarländer kulturell zwar höher stehen als die Landbevölkerung der deutschen Ostmarken, aber doch etwas niedriger als durchschnittlich die Juden Deutschlands. Mithin ist zuzugeben, daß in geringem Umfang der Staat und in etwas höherem die betreffenden Gemeinden gewisse Aufwendungen, namentlich auf dem Gebiete der Schule, zu machen hätten, um den Kulturstand der Einwanderer zu heben. Ebenso ist zuzugeben, daß durch eine solche Einwanderung vorübergehend auch Erhöhungen -der Armenlasten eintreten können; doch würden diese sich durch Bindung der Einwanderung an bestimmten Mindestbesttz sehr herabmindern lassen, und ein Teil der verbleibenden würde tatsächlich der bürgerlichen Gemeinde durch die jüdische kirchliche Gemeinde abgenommen werden; endlich würde die zweite Generation bereits reichlich mehr einbringen, als die erste an Zuschuß erfordert hat. Nützlich wäre die Einwanderung, weil — was nicht allgemein genug bekannt — jene östlichen Juden, seit sie zur Zeit der Kreuzzüge aus ihrer alten deutschen Heimat vertrieben sind, bis heute ihre deutsche Muttersprache (wenngleich in besonderem Dialekt) bewahrt haben, mithin bereits in der ersten Generation durch ihre Einwanderung die Zahl der deutsch sprechenden Einwohner der Ostmark vermehren würden. Dazu kommt, daß es für den handelsarmen Osten auch volkswirtschaftlich nur erwünscht sein kann, wenn in jenen östlichen Juden, die allerdings jetzt zu einem großen Teil Arbeiter