Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 601 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 6(»l fimmcn. Sollte es aber der Fall sein, so stehen wir nicht an, auch unsererseits zu erklären, daß wir nicht verstehen, wie derartige Reden gehalten und solche Druckschriften verbreitet werden können. Die angeblichen Aeußerungen des Grafen Pückler sind entweder strafbar oder deuten auf eine geistige Verfassung hin, die ein fürsorgendes Eingreifen notwendig erscheinen läßt. Wir haben bisher darauf verzichtet, von dem öffentlichen Auftreten des Grafen Pückler Notiz zu nehmen aus Gründen, die auf der Hand liegen und in den vorhergehenden Sätzen angedeutet worden sind. Daß es dem gesunden und berechtigten Antisemitismus erheblich geschadet hat, daran kann nicht gezweifelt werden." Die katholische ,Märkische Volkszeitung" schließt sich diesen Ausführungen an, weil ihr die Behauptung, daß „es überhaupt einen gesunden und berechtigten Antisemitismus gibt", sehr sympathisch ist. Darauf erwidert aber die liberale „Weserzeitung" treffend: „Wer einen gesunden Antisemitismus anerkennt, darf sich über ungesunde, widerliche Erscheinungen, wie die des Grafen Pückler, nicht wundern. Von dem Antisemitismus gilt noch immer, was der Vater unseres jetzigen Kaisers über ihn bemerkt hat. Auch unser jetziger Kaiser hat wiederholt durch sein Verhalten zu erkennen gegeben, daß er von einem „gesunden Antisemitismus" nichts wissen will." Diese Ueberzeugung macht die klugen Antisemiten bereits kopfscheu; so sagt Dr. Lmian in den „Leipziger Neuesten Nachrichten": „N-cht die Juden haben in erster Lmie Grund, sich durch die Pücklerschen Reden und Flugblätter belästigt und geschädigt zu fühlen, sondern die Antisemiten, nicht der „kleine Cohn und das Aas, die Sarahleben", sondern andere. Darum sollen, wo Gericht und Polizei versagen, die Antisemiten aus der Erkenntnis, daß die Reden des Grafen Pückler nicht die Juden, sondern sie selbst auf daZ schwerste schädigen, mit allem Nachdruck vor der Oeffentlichkeit jede Gemeinschaft mit dem wütenden Harlekin ablehnen". Das tun aber selbst nicht alle sich konservativ nennenden Parteimänner. In einer Versammlung des deutsch-konservativen Wahlvereins hat in den letzten Oktobertagen Profeffor Dr. Hentig gesagt: „Gerät heute irgendwo im Vaterlande einer unserer deutschen Stammesbrüder in eine Gefahr, die angetan ist, ihm Leben und Existenz zu vernichten, so regt sch niemand darüber besonders auf, passiert dagegen irgend einem Fremden, vielleicht einem Polen,. Juden, oder Tschechen, irgend elwas, so schreit sofort die ganze Welt. Ungestört dürfen Juden und Sozialdemokraten an der Vernichtung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung arbeiten und das deutsche Edelvolk zu niederen