Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 599 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. .',90 rl'cr sie sind in sträflicher Weise kurzsichtig und so nervös, daß sie zusammenzucken, wenn ein kleiner Köter bellt. Was kann es denn Männern, deren Machtwort genügen würde, behufs Wahrung der Gesetze tausende von Judenfeinden sofort zum Schweigen zu bringen, überhaupt verschlagen, wenn ein von einigen hundert Banausen als Weisheitsguelle betrachtetes Winkelblatt jeden verfaffungstreuen Beamten „Judenknecht" schimpft und dabei wähnt, nur eine sehr gelinde Bestrafung zu riskieren? Durch Posaunenschall sollen einst die Mauern Jerichos eingestürzt sein; als ein größeres Wunder dürfte es einer späteren Generation erscheinen, daß in unserer Zeit des größten Aufschwungs in Deutschland nur durch das Getöse eines Haufens antisemitischer Schreier dunkle Ghetto-Mauern wieder aufgerichtet werden konnten. Aber nicht über jene Lärmmacher wird man sich wundern, die skrupellos um ihre halbzerrüttete Existenz ringen, weil sie ohnehin nicht viel mehr zu verlieren haben, sondern über die Machthaber, die sich wie Falstaff durch „Helden in Steifleinen" täuschen, durch Donnerbleche von Komödianten ängstigen, durch heuchlerisches Gaukelspiel schlauer Haruspexe und Auguren narren lassen! „Oft kommt ein nützlich Wort aus schlechtem Munde"; und nützen sollte man den Ausspruch der tüchtigen Geschäftsleute in der „Hanoelsstätte" der Friedrichstraße, daß der „Staat, der die Gesetze nicht gegen alle Bevölkerungsklaffen gleich handhabt, für den Zusammenbruch reif ist." Das ist ein gutes Wort, wenn nicht in ihrem Sinne, so doch in dem unseren. Sie mögen es vielleicht bitter empfinden, daß Wilhelm Bruhn 6 Monate Gefängnis, Di. Bötticher 12 Monate Gefängnis verbüßen mußte, Kammer und Böckler ebenfalls Gefängnisstrafen erlitten, sämtlich für Dinge, die solche Sühne erheischten, daß aber auf unerklärliche Weise dem Grafen Pückler für weit schlimmere Gesetzesverletzungen bisher nur Geldstrafen auferlegt worden sind, die ihn kaum davon abschrecken können, sein Recht und Ordnung verhöhnendes Treiben fortzusctzcn. Daß die Ratten das Schiff mit der Flagge des Dreschflegels verlaßen, läßt übrigens voraussetzen, daß sie den Untergang des morschen Fahrzeuges fürchten. Es liegt uns fern, Richtersprüche zu kritisieren, aber die Tatsache, welche selbst auf antisemitische Parteigänger nicht ohne Eindruck bleiben konnte, auch nicht ohne solchen geblieben ist, darf konstatiert werden, daß es mindestens den Anschein gewinnt, als ob zuweilen doch dem einem das gestattet wurde, „was dem ander« verboten ist." Der Kolporteur Neumann-Fernthal, der für daS AuSschreien antisemitischer Flugschriften in den Hauptstraßen Berlindie