Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 598 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316725--13047-2334147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
598 Im deutschen Reich. „Imponderabilien" seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, wird ja frühe;- oder später sich doch überall als ein „Aufpäppeln des Umsturzes" erweisen. Daß die Männer, die Augen haben und nicht sehen, Ohre i und nicht hören, selbst von der „Staatsbürger-Zeitung" als „Staatsverbrecher" und als noch Schlimmeres bezeichnet werden, ist nicht nur unhöflich, sondern grenzenlos undankbar, denn die „Gesellschaft mit beschränkter Haftung Bruhn & Co." müßte sofort liquidieren, wenn man alle Bevölkerungsklassen gleichmäßig behandelte und in dem Gegenteil das erkennen würde, was es tatsächlich ist — ein Aufpäppeln des Umsturzes. Weil wir dies uns nie verhehlt haben, deshalb beklagen wir aufs tiefste, daß den deutschen Juden zwar die gleichen Pflichten wie ihren christlichen Mitbürgern auferlegt, aber die gleichen Rechte im Widerspruch mit Gesetz und Verfassung vorenthalten oder im Wege der Verwaltung verkürzt werden. Und dies geschieht nicht etwa, weil sich die Juden der Gleichberechtigung unwürdig gezeigt haben, sondern weil eine Anzahl träger oder unbegabter Menschen vom Staate einen gesetzwidrigen Schuh ihrer gänzlich veralteten und entschieden widersinnigen Vorrechte gegen den freien Wettbewerb einer früher unterdrückt gewesenen, sehr begabte Elemente enthaltenden Bevölkerungsklaffe des deutschen Volkes ertrotzen. Wir beklagen dies nicht bloß als Juden, sondern auch als gute Deutsche, die die Wohlfahrt des Staates wünschen, deffen Bürger wir sind. Wenn selbst stets mit Glacehandschuhen ungefaßte Antisemiten zugeben, daß ein Staat gefährdet ist, der nicht gegen alle Bevölkerungsklaffen die Gesetze gleichmäßig handhabt, dann ist es hohe Zeit, mit einem System zu brechen, bei dem der hundertste Teil des deutschen Volkes künstlich niedergehalten und verhindert wird, seine Fähigkeiten zum eigenen Nutzen und zu dem der Gesamtheit frei zu entfalten. Don maßgebender Seite wird gar nicht verkannt, daß der Staat keinen Ueberfluß an tüchtigen Kräften hat, wie solche sich vielfach unter den deutschen Juden finden; deshalb genügt in vielen Fällen ein bischen Verleugnung der religiösen Ueberzeugung und der charaktervollen Gesinnungstüchtigkeit, um sofort Amt und Würden zu erlangen. Auf die Erfindung des getauften Juden „Schlesinger-Stahl", der zu Nutz und Frommen der .Rundschau-Konservativen" aus der sogenannten „Heiligen Allianz" den .Christlichen Staat" konstruierte, legen die größten Staatsmänner kaum besonderen Wert, weil es ihnen nicht behagt, den Staat in den Dienst der Kirche zu stellen. Si? werden von der sonst sich so monarchisch gebärdenden „Staatsbürger-Zeitung" doch nur deshalb als „Staatsverbrecher" bezeichnet, weil sie sich nicht völlig der antisemitischen Schreckensherrschaft beugen,