Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 597 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316725--13046-2334146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
597 Umschau. Schiller läßt im Trauerspiel „Wallenstein" den Gs£) Kommandanten Gordon sagen: „Oft kommt ein nützlich Wort aus schlechtem Munde!" Daran erinnert der Eingang eines Leitartikels, in dem die „Staatsbürger-Zeitung" aus Anlaß des 60. Geburtstages Dr. Luegers ihrer grenzenlosen Wut über die behördliche Verhinderung geräuschvoller Huldigungen für den der österreichischen Regierung von den Wiener Antisemiten seiner Zeit aufgedrungenen Oberbürgermeister Luft zu machen suchte. Es ist begreiflich, daß Herr Bruhn, dessen nach der Entlastung ans dem Gefängniste vorbereiteter Triumphzug durch Berlin auch durch polizeiliche Maßregeln verhindert wurde, an dem Schicksal Luegers lebhaften Anteil nimmt, aber daß dabei seinem Blatte das Mißgeschick begegnet, eine für seine Partei sehr bedenkliche Wahrheit auszuplaudern, ist bemerkenswert. Er schreibt nämlich: „Ein Staat, der die Gesetze nicht gegen alle Bevölkerungsklassen gleichmäßig handhabt, der den einen das.verbietet, was den andern gestattet ist, der die einen unter den Schirm des Gesetzes stellt, während er die andern entrechtet, ist am Ende seiner Tage angelangt; er hat seine Existenzberechtigung verwirkt, ist reif zum. Zusammenbruch. B ehördliche Personen, die so handeln, machen sich zu Staatsverbrechern; der Volksmund nennt sie „Staatslouis* — Dabei phantasiert das Blatt von einem „Arzfp-äppeln des Umsturzes", ist aber.so freundlich oder so vorsichtig, „dem nahe, liegenden Anreiz" zu widerstehen, „Vergleiche mit den Vorgängen in anderen Ländern zu ziehen". Widerstände das Blatt diesem Anreize nicht, dann müßte es bekunden, daß die ganze heillose antisemitische Bewegung zum Stillstand käme, wenn auch in Deutschland die Wahrheit beherzigt würde, daß „ein Staat, der den einen -?nter den Schirm des Gesetzes stellt, während er die andern -ntrechtet, reif zum Zusammenbruch ist." Die seltsame Duldung des antisemitischen Terrorismus, die in euphemistischer Ausbrucksweise als eine staatsmünnische Rücksichtnahme auf sogenannte