Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Professor Dr. Carl Weigert
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 590 (sequence 4)
- Language
- German
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590 Im deutschen Reich. mir fremd." Besonders war er auch mit der schönen Literatur alter und moderner Zeit so bekannt, wie nur wenige, auch unter den Gebildeten unserer Gegenwart. Abstrakte Spekulation zog ihn nicht an: dagegen hegte er sehr lebhaftes Interesse für ethische und auch für religiöse Fragen. Mit christlichen Theologen unterhielt er sich sehr gern und besaß volles Verständnis und Würdigung auch für andere Standpunkte. Ja, er schrieb sogar einmal einen größeren Aufsatz für die „Chnstl. Welt", der dort vor einigen Jahren veröffentlicht worden ist. In diesem Verkehr zeigte er weder — wie das manchen anderen eigentümlich ist, — die Empfindlichkeit des Andersgläubigen, vor der mau jedes Wort zuvor auf die Wagschale legen muß, noch die vermeintliche Unsehlbarkeit des Materialistischen Naturforschers, bei dem nur das gilt, was sich messen und wiegen und sinnlich beurteilen läßt. Freilich war er auch ebensoweit entfernt von jener verächtlichen Charakterlosigkeit mancher Juden, die aus Liebedienerei und um vorurteilsfrei zu erscheinen, das eigene Nest beschmutzen, in dem sie geheckt worden sind. Ich hatte öfters die Ehre mit ihm zu verkehren, nicht nur in meinem eigenen Haus, sondern vor allem sehr häufig in den gastlichen Räumen Wilhelm Jordans. Und auch in diesem geselligen Verkehr bewährte der große Gelehrte in so gewinnender Weise die Reinheit und Tiefe seines Gemütes, die Liebenswürdigkeit und feine Humanität seines Wesens. War das ein Humor, ein Frohsinn und Witz! Er fefVcIte und animierte immer die ganze Gesellschaft! Und dabei war alles in ihm so dezent, so herzlich und niemals auch nur irn geringsten, jemanden verletzend! Sogar zu kleinen unschuldigen Mätzchen ließ er sich wohl herbei, so z. B. produzierte er sich, als wir das lehtemal Jordans Geburtstag in dessen Haus feierten, zu unser aller Erstaunen als vollendeter Bauchredner, indem er vom Fenster aus eine Unterhaltung mit dem scheinbar unten auf der Straße stehenden Nachtwächter täuschend fingierte. Nun muß ich aber auch indiskret sein und eine Seite des Entschlafenen hervorheben, deren Bekanntmachung ihm bei Lebzeiten wohl recht unangenehm gewesen wäre: Dieser „Jude" besaß auch in reichein Maße die jüdische Tugend der Wohltätigkeit. Man sagt sonst wohl: pDie Juden können's ja, denn sie haben's auch, und was sie in der Oesfentlichkeit geben, das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sie uns aögegaunert haben, und wird nur gespendet, um vor der Welt groß zu tun." Ich mag an dieser Stelle auf solche Vorwürfe nicht ernstlich emgehen, sondern wünschte nur, daß einstweilen auch alle die Christen, „die es haben" und die es auch nicht alle durch Beten