Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Professor Dr. Carl Weigert
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 589 (sequence 3)
- Language
- German
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Professor Dr. Car! Steigert. .'>89 lieten durften, nur mit Verehrung und Liebe zu ihm aufsehen konnten. Und diesem Mann wurde dereinst der Professorenstuhl der pathologischen Anatomie in Leipzig verweigert, nur aus dem Grunde, weil er Jude war, und obwohl er sonst das unbestrittene Anrecht auf diese Stelle gehabt hätte! So oft ich daran denke, überkommt mich das Gefühl der Scham und schmerzlichen Bedauerns darüber, daß Geist und Wesen des Christentums vielfach in so engherzigen, unwürdigen Formen enthalten sind und daß alter Zopf und fanatische Beschränktheit teils durch die Böswilligkeit der Menschen immer aufs neue gepflegt werden, teils doch durch „altehrwürdige" Satzung und Institution so tief eingenistet sind, daß sie auch von Wohlgesinnten, wie dort den Mitgliedern der medizinischsn Fakultät, nicht ausgerottet werden können. Hätte damals Weigert die Zeremonie der Taufe auch ohne innere Ueberzeugung über sich ergehen lassen, so wäre jedes Hindernis hinweggeräumt gewesen. Aber dieser Mann war dem Geist und Wesen nach ein besserer Jünger Jesu Christi als die, welche ihm die Taufe nahe legten. Ich möchte hier nicht mißverstanden werden. Ich bin nicht der Meinung vieler Juden und Christen, daß die Annahme des Christentums von Seiten der Juden unter allen Umständen eine Charakterlosigkeit bedente, wenn sie sich nicht in allen Punkten mit dem Wortlaut christlicher Lehre einverstanden erklären, bezw. daran „glauben" können. Denn wenn dieser dogmatische Lehrinhalt als Maßstab wahrhaftigen Christentums angenommen wird, wo wären denn da heutzutage die wahrhaftigen Christen? Nicht nur viele Millionen der Getauften stehen diesem Lehrinhalt gleichgültig und verständnislos gegenüber, sondern auch unter den christlichen Lehrern, den Pfarrern und Professoren gibts eine sehr große Anzahl, die diese Lehre in dem einen oder dem anderen Punkt kritisch oder ablehnend beurteilen; ja, ganz streng genommen gibts dann überhaupt keinen Gerechten, auch nicht einen! Selbst dem orthodoxesten unter ihnen vermag sein Bruder kleinere, bisweilen auch sehr große Ketzereien nachzuweisen. Es war Weigert zugemutet, sich eine Professur durch den Religionswechsel zu erkaufen! Und das wäre allerdings eine Charakterlosigkeit gewesen, zu der Weigert nun und nimmer fähig gewesen war. Das hätte er nicht getan, auch wenn der Sachverhalt nicht so gewesen wäre, wie er war: durch seinen Eintritt in die Fakultät hätte nicht diese ihn. sondern er hätte sie geehrt. Freilich, manch' anderer wäre wohl dieser Versuchung erlegen, bei Weigert war dies ausgeschlossen. Weigert war nichts weniger als ein einseitiger Fachgelehrter. Er kennte mit vollem Recht von sich sagen: „Nichts Menschliches ist