Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Professor Dr. Carl Weigert
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 591 (sequence 5)
- Language
- German
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Professor Dr. Carl Weigert. 691 oder Holzhacken gewonnen haben, in gleicher Weise wohltätig wären, wie das Lei den Juden so häufig der Fall ist. Aber Weigert hatte „cs" nicht. Er war von Haus aus arm und lebte höchst bescheiden als Junggeselle von seinem mäßigen Gehalt. Trotzdem sendete er mit mehreremale bei besonderen Gelegenheiten, besonders zu Weihnachten, einen Zwanzigmarkschein zur Bescherung für arme Kinder. Wahrscheinlich hat er diese Wohltätigkeit auch anderen gegenüber bewährt, aber meines Wissens tat er es nie in der Oeffentlichkeit. Dagegen erfuhr ich indirekt, daß er junge Talente wesentlich unterstützte, wenn auch nicht aus eigenen Mitteln, sondern durch Sammlungen bei reichen Freunden. So verschaffte er seit einer Reihe von Jahren einem meiner früheren Konfirmanden jedes Semester das Schulgeld für das Konservatorium im Betrag von mehreren 100 Mark. Der junge Mann braucht es nur noch ein Jahr lang; hoffentlich findet er einen Nachfolger Weigerts, vielleicht unter den Lesern unseres Blattes?! Vor etwa 10 Jahren reiste ich mit meiner Frau von Stockholm aus nach Upsala, um dort den berühmten Codex des Bischof Ulfila zu sehen. Aber es waren gerade Univerfitätsferien, daS Städtchen war wie ausgestorben, die Universitätsbibliothek verschlossen. Wir klopften vergebens an verschiedenen Türen, um zu erfahren, wie wir zum Anblick der berühmten Handschrift kommen könnten, — lange vergebens. Endlich trafen wir einen grauköpfigen deutsch sprechenden Gelehrten; es war der dortige Profcffor für Anatomie. Als er hörte, daß wir aus Frankfurt wären, da war seine erste Frage: „Kennen Sie Weigert?" Und nun mußten wir ihm erzählen, so viel wir konnten, und gewannen bald in dem alten Herrn einen hilfsbereiten Freund — durch Weigerts Vermittlung! In den letzten Jahren ging, so scheint mir, eine recht deutliche Veränderung mit dem Gelehrten vor. Er wurde schnell alt und sah sehr schlecht aus. Besonders fiel mir das beim Begräbnis Jordans auf. Oft zeigte er sich in tiefer Schwermut; man sagte, er sei unzufrieden mit sich selbst und mit seinen Leistungen. Und nun hat er seinen Frieden gefunden! Nach arbeits- und erfolgreichem Leben ist er still und sattst entschlafen. Und wie steht .ü nun mit ihm? Nach „korrektem" Christentum stünde es fteilich schlimm genug. Er war ja nicht getauft, und der große Mangel seines Lebens müßte ihn verfolgen bis in die Ewigkeit, so gewiß, als auch die vor der Taufe, vielleicht sogar schon vor der Geburt gestorbenen Kindlein christlicher Eltern in grausamer, aber unentrinnbarer Logik braten müssen in der Hölle, weil ihnen die Erbsünde Adams nicht abgenommen ist und fie daher unter dem Zorne Gottes