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Im deutschen Reich · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. 584

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Date
1904-11-01
Page
584 (sequence 2)
Language
German
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584 Im deutschen Reich. ist. Von keinem andern Bolke besitzen wir Literaturdenkmäler, die in derartiger Vollständigkeit das Kulturleben der Urzeit in einer den weitesten Kreisen zugänglichen und wegen der religiösen Bedeutung der Bibel wirklich zur Kenntnis des Volkes gelangenden Form fcsthalten. Wohl hat die Wissenschaft dieses Prinzip auch bei so vielen anderen Völkern aus mehr oder minder deutlichen Spuren aufdecken können; aber ihre Ergebnisse dringen langsam, wenn überhaupt, in die breiteren Schichten der Bevölkerung, und wenn sie, wie gesagt, den Juden überwiegend fremd geblieben sind, wie viel weniger darf man erwarten, daß christliche Eiferer zu den Quellen hinaufdringen werden, die ihnen liebgewordene, manchmal so brauchbare Meinungen und Vorurteile zerstören könnten, — um von jenen Hetzern zn schweigen, in deren Beruf es liegt, der Wahrheit aus dem Wege zu gehen. So konnte es geschehen, daß eine Strafrechtsnorm, die gewissermaßen der Urahn aller geltenden Strafgesetze ist, der einst auch die Vorfahren der heutigen Verächter des Judentums gehorchten, als Ausfluß des unheimlich finstern Geistes des Judentums gelten konnte. Hinderte wenigstens die Unwissenheit nicht die Erkenntnis, daß der Satz einer zeitlich überaus entlegenen, innerlich seit Jahrhunderten überwundenen Kulturstufe angehört und daß er auf die ethischen Anschauungen der heutigen Juden so wenig Einfluß hat wie auf tte ihrer christlichen Mitbürger! In Wahrheit gehört er überhaupt nicht der Ethik an (soweit von einer Trennung von Erhik und Recht die Rede sein konnte), sondern hat die Bedeutung, eine Anweisung über die Bestrafung eines Uebeltäters zu geben! Die Anforderungen, die ihm gegenüber Jesus in der Bergpredigt stellt, gehören dem ethischen Gebiet an; daß sie viel zu weit gespannt sind, als daß sie jemals ins wirkliche Leben hätten übertragen werden können oder Aussicht hätten, von Menschen, die nicht als sonderbare Schwärmer gelten wollen, je ins Leben übertragen zu werden, ist bekannt; daneben kann in ihnen, wenn man eine gleichlaufende Entwickelung von Recht und Echik annehmen will, der Aufdruck jenes KulLurfortschrittes gefunden werden, den die Juden natru-; gemäß, wie alle andern Völker, — durch oder ohne Jesus — machcn mußten und vielleicht, ganz oder bis zu einem gewissen Grade, schrn vor ihm gemacht hatten. (Vgl. z. B. Sprüche Salom. 24, 29, wo ermahnt wird, nickt gleiches mit gleichem zu vergelten, und andererseits die Worte Ln der Bergpredigt, und oster: „Mit. welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werdend) So schwer es hin muß, die Zeit, in der jene Forderungen der Bergpredigt aufgestillt

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