Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Auge um Auge, Zahn um Zahn
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 583 (sequence 1)
- Language
- German
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553 Auge um Auge- Zahn um Jahn. leicht es im allgemeinen gebildeten Juden wird oder werden sollte, Angriffe gegen das Judentum, die sich auf dem dogmatischsittlichen Gebiete bewegen, zurückzuweisen, so scheint ein Hinweis von christlicher Seite auf das Wort „Auge um Auge, Zahn um Zahn" immer noch dank der Unkenntnis der meisten Juden über Wesen und Bedeutung dieses Ausspruchs geeignet zu sein, sie in Verlegenheit zu setzen. Immer von neuem zeigt es sich, daß man das Wort als etwas für die jüdische Religion wenig Rühmliches ansieht; nicht zum wenigsten ergibt sich aus den Versuchen, die Bedeutung des Wortes abzuschwächen, seinen Sinn umzubiegen, daß man das Bestehen einer Vorschrift, die gebietet, das Verletzen eines Auges oder Zahnes mit der Erwiderung der Verletzung, überhaupt gleiches mit gleichem zu vergelten, für ein beschämendes Zeichen des Tiefstandes der jüdischen Religion erachten Würde. Demgegenüber kann nicht dringend genug der Wunsch ausgesprochen werden, daß endlich die Kenntnis davon allgemein werden möge, daß jener Satz schlechthin nichts Bedauerliches und Unrühmliches enthält, daß es bei ihm nichts zu bemänteln oder abzuschwächen gibt, daß er vielmehr ein der Kulturstufe des jüdischen Volkes, der er angehört, durchaus entsprechender und notwendiger, bei allenVölkern auf der gleichen Kulturstufe sich ebenfalls findender Rechtssatz ist. Den Schlüffe! für sein Verständnis liefert uns die vergleichende Rechtswissenschaft, dieser jüngste, für alle Gebildeten interessante, aber selbst von den Juristen bisher sehr vernachlässigte Zweig der Rechts» Wissenschaft. Sie lehrt uns, daß überall, bei Völkern der verschiedensten Raffen und zu den verschiedensten Zeiten, das Strafrecht eine Entwickelung durchgemacht hat, die zu dem Grundsätze der Vergeltung von gleichem mit gleichem führte. Als das jüdische Volk sich auf der entsprechenden Kulturstufe befand, gelangte es gleichfalls zu diesem Prinzip (Talionsprinzip), das in feinen heiligen Schriften, niedergelegt wurde und, da diese nicht nur erhalten blieben, sondern Gcmeingnt der ganzen Welt wurden, allgemein bekannt geworden