Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-10-01
- Page
- 540 (sequence 11)
- Language
- German
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540 Im deutschen Reich. Vereinsgründungssucht zum Nachteile der Konsumenten eine unheimliche zu nennen. Daß die LebenSmittelpreije in der Donaustadt geradezu horrende sind, kann nicht geleugnet werden. Aber warum das Elend der Lebensmittelhändler noch vermehren, speziell von Vereinen, deren Leitung in den Hände» von nicht immer glänzend ehrlichen Genossen liegt. Ob in solchen Vereinen das Geld sicher angelegt ist, möchte ich bezweifeln." So schildert ein Antisemit die Glückseligkeit, deren sich die Wiener unte einer antisemitischen Stadtverwaltung erfreuen. Dazu kommt ein System bei den Beamtenernennungen, bei dem die rücksichtsloseste Partciwirtschaft mit einer geradezu zynischen Offenheit ans Licht tritt. Kürzlich verlangte in Wien ein Magistratsbeamter namens Kainzmayer die Trennung seiner Ehe, weil seine Gattin Regina eine Jüdin ist und er deshalb nicht avanzieren könne. Der Vorsitzende in der Verhandlung hielt diese Begründung für eine Ausrede. Er gab wohl zu, daß die Konfeffion des Mannes bei Besetzungen in Betracht komme, aber daß auch die Konfeffion der Frau dafür maßgebend sei, daran, sagte er, „wird kein vernünftiger Mensch glauben!" Gewiß, es fällt schwer, an die Möglichkeit eines solchen Paroxismus der Parteileidenschaft zu glauben. Aber nach der Beweisaufnahme mußte der Vorsitzende schließlich sich doch dazu bequemen, das Unglaubliche und Unvernünftige für wahr zu halten. Der Gerichtshof erkannte zwar auf Abweisung des Trcnnungsbegehrens, erklärte jedoch die Ehe aus dem Verschulden des Gatten geschieden.- Der Achilles der Wiener „Christlich. Sozialen", der Oberbürgermeister Di. Lueger, dessen Organisationstalente die Antisemiten manchen Erfolg verdanken, ist längst nicht mehr im stände, seine begehrlichen Myrmidonen zu zügeln. Er muß sich von ihnen bittere Vorwürfe machen lassen, weil er im Namen der Stadt Wien den dort tagenden Preßkongreß begrüßt hat, trotzdem diese Begrüßung von den Kongreßteilnehmern als ein? Satire aufgefaßt werden mußte. Er sagte: „Ich begrüße alle, frage nicht nach dem politischen Programm oder nach der Geburt; ich drück? beide Augen zu und sage: Grüß euch Gott alle miteinander, herzlich willkommen in der Stadt Wien!" Diese die anwesenden jüdischen Kongreß-Teilnehmer beleidigende Begrüßung hat leider den jüdischen Vorsitzenden des Kongresses, Singer, nicht verhindert, dem antisemitischen Bürgermeister für seinen Willkommengruß devotest zu danken. Mit Recht verhöhnt dies die „Neue Freie Presst mit den Worten: „Es wäre in einem Aufwaschen gegangen, wenn der Präsident des Preffekongreffes auch noch seinen liebwerten Kollegcn Häns Arnold Schwer zur Eruierung des fünfundzwanzigsten Ritual-