Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Das Judentum und der Staat
- Date
- 1904-10-01
- Page
- 514 (sequence 4)
- Language
- German
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514 Im deutschen Reich. israelitische und jüdische Staat doch nicht allzulange bestanden hat, daß erst der israelitische Staat von den Assyrern, dann der jüdische von den Babyloniern und schließlich der zweite jüdische Staat von den Römern zerstört worden ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: Auch das. bestorganisierte Staatswesen, wenn es aus einer so geringen Zahl von Bürgern besteht, wie es die Israeliten und dann die Juden gewesen sind, -wird nicht imstande sein, sich gegen die brutale Uebermacht großer Weltmächte, wie es Astyrer, Babvlonier und gar das römische Reich waren, zu schützen. Die Gewalt der zahllosen Heere dieser großen Staaten wird ja mit Naturnotwendigkeit auch dem bestgeordneten kleinen Staate ein Ende bereiten." Der Vortragende schilderte dann, wie den Juden nach dem Untergange des jüdischen Staates von seiten ihrer Gesetzgeber und Gesetzesausleger die strengste und opferwilligste Bürgerpflicht vor. geschrieben wurde, und wie sie zu allen Zeiten demgemäß für das Wohl ihres Vaterlandes tätig gewesen seien. Er fubr dann fort: „Da sagt man nun: wieso kommt es bei diesen schönen Vorschriften, daß sich so viele Juden unter den Sozialisten, den Revolutionären und Nihilisten finden? Man behauptet ja, daß die Juden eigentlich den Sozialismus überhaupt nur in Deutschland möglich machen. Nun, da ist es doch eine sehr merkwürdige Tatsache, daß in denjenigen Ländern, wo die Juden vollkommene Gewissensfreiheit oder vielmehr vollkommene Gleichberechtigung besitzen, wo ihnen keine Kränkung wegen ihrer Religion zugefügt wird, man sich vergeblich nach Juden unter den Sozialisten umsehen würde. Die Juden sind ein durch und durch konservatives Volk. Das beweisen sie am besten dadurch, daß sie schön über 3000 Jahre an derselben Religion und an denselben Vorschriften festhalten, und in der Tat, wir sehen in diesen Ländern, daß wir Juden in allen Parteien finden, namentlich aber in der konservativen und m der gemäßigt liberalen, am allerwenigsten in der sozialistischen. Anders freilich verhält es sich da, wo sich die Juden durch die Staatsgewalt gegen Recht und Verfassung, gegen das Gesetz, das doch die Grundlage des Staates selber bilbcn sollte, ich sage da, wo die Juden sich gegen Gesetz und Recht gekränkt, zurückgesetzt, beeinträchtigt, in der Entfaltung und Betätigung ihrer Fähigkeiten behindert fühlen. So ist es leider in Deutschland, besonders aber in Rußland, wo man sie in wenigen Ortschaften gewaltsam zusammenpfercht, ihnen den Zutritt zu den höheren Schulen, gnr Bildung, zur Aufklärung versperrt, wo die Verwaltung die Pöbelmasten gegen die Juden hetzt und lächelnd zuschaut, wenn diese verblendeter Masten die Juden mißhandeln und abschlachten. Da ist es natürlich,