Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 9 (September 1904)
- Article
- Berlin
- Date
- 1904-09-01
- Page
- 483 (sequence 3)
- Language
- German
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Korrespondenzen 483 Iv.t unbestrafter junger Mensch, war am 6. Juni d. I. in etwas angeheiterter Stimmung vor den Laden des jüdischen Kaufmanns F. in der Langestraße gekommen und hatte Straßenschmutz hineingeworfen. Als ihm dies von dem Inhaber des Geschäfts verwiesen wurde, drang er auf den im Laden befindlichen Kaufmann F. mit den Worten ein: „Verfluchter Jude! Pückler hat gesagt, wir sollen die Juden totschlagen, die Juden haben den Jesus ans Kreuz geschlagen! Den rotköpfigen Judenlümmel muß -ich hier noch totschlagen!" Zu einem tätlichen Angriff ist es allerdings nicht gekommen; der junge Pückler-Schüler hat sich mit dem Ausstößen dieser blutigen Drohungen zufrieden gegeben. Er hatte die Folgen der polizeilich geduldeten „oratorischen Leistungen" des „Dreschgrasen" nur mit 25 Mk. Geldstrafe zu büßen, ist also für sein rohes Gebühren recht glimpflich bestraft worden. Daß sich der Herausgeber der „Staatsbürger-Zeitung" von dem Grafen Pückler losgesagt hat, ist wohl nicht nur auf die Erfahrungen Bruhns inbezug auf seine Gnadengesuche, sondern auf die Erkenntnis zurückzuführen, daß die „Pücklerei" zahlreiche Unerfahrene zu schweren Gesehesverlehungen verleiten, die antisemitische Parteisache aber nicht vorwärts bringen kann. Das haben auch andere judenfeindliche Politiker erkannt; so das offizielle Organ des „Bundes der Landwirte", die agrarischantisemitische „Deutsche Tageszeitung". Sie schreibt: „Es heißt, ein Schneidermeister Donner, der verschiedentlich in den Bundesversammlungen im Zirkus Busch als Mittelstandsredner auftrat, werde von jetzt ab den Manager des Grafen Pückler spielen. Wir hoffen dringend, daß der Bund sich Herren, die eine derartige „politische Tätigkeit" entwickeln, künftig vom Leibe hält." (Dies ist inzwischen geschehen. Siehe „Umschau" S. 474). Noch deutlicher drückte sich am 11. Juli die Magdeburger „Sachsenschau" aus: »Vielleicht begreift man in Berlin auch noch einmal, daß der sogenannte „Rassenkampf" überhaupt keinen Sinn hat, da es in der arischen Raffe genug entartete Elemente gibt, welche es mit dem geriffensten Semiten in der Schwindelei aufnehmen, daß es hinwiederum wirklich anständige Juden gibt, welche sich neben manchem Arier oder Christen ruhig sehen laffen dürfen. Die Judenfrage wird nicht durch Ausnahmegesetze, sondern durch eine grundlegende wirtschaftliche Reform gelöst. Wenn das Schimpfen gegen die Juden Früchte zeitigen könnte, dürfte es in Berlin keinen einzigen Juden mehr geben. Statt dessen ziehen immer mehr Juden nach Berlin. Es ist gerade, als ob die Pückler- Reden die Zuwanderung magnetisch anzögen. Wir muffen für uns in unserem Geschäft besonnen arbeiten, sparsam leben