Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1904-09-01 · Heft 9 (September 1904) · p. 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 9 (September 1904)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1904-09-01
Page
479 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316714-2316723--12794-2333823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Umschau. 479 vollständig vereitelten. Zwei Judenkrawake, die sich Ende Juli in Russisch-Polen abspielten, haben von neuem gezeigt, wie sehr die russische Regierung trotz aller angeblichen Reformentwürfe bestrebt ist, durch Gewährenlassen der niedrigsten Instinkte die einzelnen Klassen der Bevölkerung gegen einander auszuspielen. Sie scheint zu glauben, daß man über ein Chaos am sichersten und bequemsten zu herrschen vermag. In Parczow, Gouvernement Siedlez, hatten jüdische Eltern, deren Töchterchen entführt und dem Propst Klopotowski znm Taufunterricht gegeben worden war, sich ihres Kindes wieder bemächtigt. Dies verursachte einen förmlichen Aufruhr, der mit der gänzlichen Demolierung des Hauses begann, in dem die Eltern mit dem Kinde Unterkunft gefunden hatten, und der sich zu einem regelrechten Judenkrawall mit Revolverschüssen entwickelte, denen über 20 Juden an Toten und Verwundeten zum Opfer fielen. Damit nun aber das Satyrspie! nicht fehle, soll nach dem Muster von Homel den Juden der Prozeß gemacht werden. In Ostrowietz, Gouvernement Radom, reizte ein betrunkener Vagabund die Arbeiter der Eisenfabriken dazu auf, die Juden zu überfallen. In kurzer Frist waren alle Fenster jüdischer Wohnungen zertrümmert und viele Läden geplündert, und dann ging es auf die Synagoge los. Dort aber begegneten ihnen die Juden mit Aexten, Eisenstäben und dergleichen. Bei der Schlägerei wurden 20 Juden leicht und 2 schwer verwundet. Bon ihnen ist einer, Jakob Robinstern, inzwischen seinen Wunden erlegen, der andere, Aron Subjekt, befindet sich in Lebensgefahr. Dem telegraphischen Ersuchen des Polizeivorstehers um Hilfe konnte der Gouverneur von Radom nicht entsprechen, weil gerade am Tage des Krawalls das dort postierte Militär nach Ostasien transportiert wurde. Der Krieg mit Japan, der eine schwere wirtschaftliche Krise in Rußland herbeiführte, hat die Lage der russischen Juden noch wesentlich verschlimmert. Der Kleinhandel liegt vollkommen darnieder; die Arbeiter finden kaum irgendwelchen Verdienst; ganzen Familien droht der Hungertod. Das Centralcomite der „Alliance Israelite Universelle* bewilligte deshalb für die am meisten leidenden Gemeinden 100000 Frs. zur Unterstützung. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat für die von der ökonomischen Krisis im Zarenreiche besonders hart betroffenen Juden 50 000 JL bewilligt und bereits 10 000 JC. für dringende Bedürfnisse nach Rußland gesandt. Es ist dafür Sorge getragen, daß die Unterstützungsgelder in rationeller Weife an die einzelnen Gemeinden verteilt werden. Das Unheil ist aber so groß, daß äußere Hilfe ihm gegenüber fast machtlos erscheint. Rußland beurteilt jede Konzession an die Menschlichkeit vom „Standpunkt der nationalen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.