Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 9 (September 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-09-01
- Page
- 478 (sequence 13)
- Language
- German
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478 Im deutschen Reich. Br. ßueger in einflußreicher Stellung haben! Von ihm erzählt die „Wiener Sonn- und Montags-Ztg.", er habe 1885 in einer Wahlrede „Oesterreich auf dem sicheren Fundamente des ganzen Volkes ohne Unterschied der Nation oder Konfession" aufgebaul wissen wollen. Ein Jahr später habe er in öffentlicher Versammlung die Finger zum Schwure erhoben und feierlich erklärt: „Gott ist mein Zeuge, daß ich keinen Unterschied des Glaubens kenne, Ehr ist oder Jude gilt mir gleich." Das Blatt fugt hinzu: „Er predigt andern die Heiligkeit des Eides und ist das Haupt einer Partei, die von der Mißachtung der Staatsgrundgesetze lebt, die zu halten und zu wahren der Herr Bürgermeister beschworen hat. Er schlägt den Männern der Wiffenschaft ins Antlitz und erquickt sich an dem Jubel seiner analphabetischen Anhänger; bald darauf erscheint er im Fest, kleide zur Begrüßung eines wisienschaftlichen Kongresses und macht seine Reverenz vor den Forschern, welche die Grenzen der menschlichen Erkenntlich erweitern. Br. Lueger toastiert auf den jüdischen Präsidenten des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft und preist, umgeben von „jüdischen" Industriellen, die ehrliche, segenbringende Arbeit; er hält aber für den würdigen Vertreter der Behörde bei dieser Körperschaft denselben Demel, der alle Juden als Fälscher und Betrüger beschimpft, die man totschlagen müffe ... Er bestreitet nicht, das Wort gesprochen zu haben: „Nur ein Schuft oder ein Esel kann ein Antisemit sein" — aber er ist der Führer der Antisemiten. — In solchen Widersprüchen bewegt sich sein öffentliches politisches Wirken: so sieht der Mann aus, dessen sechzigsten Geburtstag die christlich'soziale Partei unter unerhörten Festlichkeiten feiern will." In vielen Dingen erinnert der wandlungsfähige Wiener Bürgermeister, dessen heitere gesellschaftlichen Talente selbst von vielen unter den gekränkten Kaufleuten anerkannt worden sind, an eine ganze Reihe aalglatter russischer Staatsmänner, denen gegenüber jeder, der sich durch liebenswürdige Manieren bestechen läßt, noch immer dm Kürzeren gezogen hat. Der ermordete Minister v. Plehwe, der dreimal den Glauben gewechselt hat und zweifellos an der Vergewaltigung Finlands, der Vernichtung der letzten Rechte der Selbstverwaltung in Rußland und den Maffacres in Kischinew und Hornel mindestens die Mitschuld tragt, hat es nie an scheinbarem Entgegenkommen fehlen lassen, unmittelbar darauf aber mit unerbittlicher Strenge seine Ziele verfolgt. Andere russische Staatsmänner haben wiederholt dem milddenkenden Zaren weitgehende Reformen der grausamen Judengesetzgebungen unterbreitet, an die beschlossenen Abänderungen sind dann aber stets Bestimmungen geknüpft worden, die ihren Zweck