Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 9 (September 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-09-01
- Page
- 473 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 473 nach Cohnheims Tode 1884 die ordentliche Professur versagt, weil er nicht wie sein Lehrer und Vorgänger die Lehrkanzel durch das Sacrifkio ricir iiitelietto erkaufen wollte. Er schied aus Leipzig und blieb ohne jedes offizielle Amt, bis er in Frankfurt a. M. als Direktor einen pathologischen Instituts einen seiner Fähigkeit würdigen Wirkungskreis erhielt, bei dem seine Glaubenstreue kein Hindernis war. Fände eine derartige Charakteifestigkeit unter den gebildeten deutschen Juden allseitige Nachahmung, dann könnte es nicht ausbleiben, daß sich die antisemitischen Vorurteile wieder vermindern, die sich gerade in den akademischen Kreisen Deutschlands in den letzten Jahrzehnten in peinlichster Weise fühlbar machten. Selbst wenn voraussichtlich ein Erfolg, nicht sofort zu erzielen ist, erscheint es stets wertvoll, in diesen Kreisen mannhaft Vorurteilen entgegenzutrcten, wie und wo sie sich auch geltend machen. Derartige Proteste wirken um so günstiger nach, weil die Zahl derer sehr ansehnlich ist, die vom Antisemitismus befangen sind, sich aber dieser Befangenheit schämen und um keinen Preis öffentlich derselben bezichtigt werden möchten. In der am 6. August abgehaltcnen Sitzung des 3a. Anthropologen-Kongress es beantragte der Schatzmeister der Frankfurter Anthropologen-Geseüschaft, Zunz, die der Gesellschaft überwiesene Verwaltung der Mies'schen „Stiftung zur Forderung der anatomischen und physiologischen Anthropologie in Deutschland" abzulehnen, weil der Erblaffer, der verstorbene Kölner Nervenarzt Mies, verfügt habe, daß nur immer zum fünften Male die Stiftung einem Juden zufallen dürfe. Bei der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten könne doch nur die Qualität der Arbeit, nicht das Religionsbekenntnis des Verfaffers entscheidend sein; die Anthropologische Gesellschaft dürfe sich nicht dazu hergeben, antisemitischen Bestrebungen Vorschub zu leisten. Es wurde darauf zwar mehrfach der Versuch gemacht, die antisemitische Tendenz der Stiftung zu bestreuen*), der Zunz'sche Antrag aber doch schließlich nur mit der Begründung abgelehnt, daß die bereits vor Jahren auf dem Kongreß in Lindau erfolgte Annahme der Stiftung nach so langer Zeit nicht mehr rückgängig gemacht werden könne. Der Antragsteller gab sich damit zufrieden und erklärte, daß sein Antrag nur bezweckt habe, das Totschweigen dieser Sache zu verhindern. Damit ist auch tatsächlich häufig geholfen, denn vornehmer empfindenden Naturen ist es nicht *) Das Hamburger „Deutsche Blatt" berichtete am 17. August: „Es wird uns mitgeteilt: Der Stifter, Dr. Mies-Köln, war allerdings Antisemit ^Mitglied des Deutschbundes) und mir persönlich bekannt, vr. W."