Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 9 (September 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-09-01
- Page
- 468 (sequence 3)
- Language
- German
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468 Im deutschen Reich. (ultr wohl ebenso wenig. Mit Recht geißelt die „Breslauer Zeitung" derartige antisemitischen Seitensprünge der stockkonservativen „Schlesischen Zeitung", die über die „feigen" Meuchelmörder zeterte und dabei die Juden mitzunehmen versuchte. Dafür wird sie von der „Breslauer Zeitung" mit den treffenden Worten verspottet: „Es ist allerdings eine Feigheit, mit Einsatz seines Lebens, noch dazu in Rußland, ein politisches Attentat auszuüben. Mutig aber ist es, in der windstillen, sicheren Redaktionsstube für alle Lumpen in der Drcyfus-Affäre einzutceten und die Nicdermetzeluug Kischinewer Juden zu verteidigen." Den gleichen herben Spott verdient aber auch der fromme konservative „Reichöbote", der es sogar unternahm, die Konitzer Affäre mit der Ermor ung Plehwes in Verbindung zu bringen und dabei Felgendes sagte: „Das Rätsel von Könitz ist von jeher weniger ein Rätsel der Tatsachen als der Rechts behänd! ung gewesen. Zusammen mit dem neuesten Morde an Plehwe ist es geeignet, von den letzten Sympathien für ein gewisses östliches Judentum. . . zu heilen." In echt antisemitischer Weise beschuldigt also das konservative Blatt die Konitzer Untersuchungs-Behörden, das „Recht in rätselhafter Weise gehandhabt zu haben"; nebenher entblödet es sich nicht, durch den Hinweis auf ,ein gewisses östliches Judentum" den Pöbelwahn wieder auszufrischen, als hätten aus dem Osten nach Könitz gekommene Juden ans abergläubischen Motiven Ernst Winter getötet. Nun hat zwar neuerdings die Konitzer Staatsanwaltschaft das gegen die Familie des wegen Meineids verurteilten Arbeiters Masloff emgeleitete Ermittelungsverfahren wieder eingestellt, aber die behördlich festgestellte Tatsache, daß Winter während eines unsittlichen Aktes sein junges Leben eingebüsst hat, ist dadurch nicht aus der Welt geschafft worden. Ein solches Verhalten, wie es hier der „Reichsbote" zeigt, ist nichts weniger als „konservativ*; denn es untergräbt das Vertrauen zu der Rechtspflege. Es ist um keinen Deut bester als das Treiben, dessen sich die radikalsten Antisemiten beständig schuldig wachen. Daß auch diese neuerdings sich meistens scheuen, offen als „Antisemiten" hervorzutreten, ist ein Zeichen der Zeit. Der „Deutsche Antisemitenbund" legte sich dm Namen „Mittelstandsbund" bei; die deutsch - sozialen Anhänger Liebermanns erklärten schon früher, sie hätten sich nie formell selbst die Partei der Antisemiten genannt, sondern ihre Gegner hatten ihnen diesen Spitznamen beigelegt. Der Antisemitismus nähme in ihrem Parteiprogramm erst die 19. Stelle ein; man dürfe doch jemanden nur nach dem nennen, was er in erster, nicht aber nach dem, was er in letzter. Linke sei. Ein freisinniges