Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Berlin
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 426 (sequence 6)
- Language
- German
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426 Im deutschen Reich. Wiesen; daß er sich neuerdings im „Volk" den schärfsten Gegnern des streng kirchlich gesinnten Oberhosmeisters Freiherrn von Mirbach $itgesellte, zeugt hinreichend für seine Fähigkeit, jeder Witterung Rechnung zu tragen. In den jetzt in den „Grenzboten" veröffentlichen Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Kultusministers vr. Bosse äußert sich dieser über die von Stöcker inszenierte Berliner Bewegung wie folgt: „Jeder nüchterne Christ muß sich in der Tat die Frage vorlegen: Wo hinaus soll es eigentlich mit der unter Stöckers Führung in Szene gesetzten Antijudenagitation? Was sott und kann damit schließlich erreicht werden? Die Juden werden dadurch schwerlich bescheidener werden, und in dem ganzen antisemitischen Treiben fehlt das beste, nämlich Gerechtigkeit undwirklich erbarmende Menschenliebe gegen die Juden. Die politische Emanzipation der Juden ist nicht rückgängig zu machen. Der einzige Weg zu einer Lösung der Jndenfrage wäre doch nur eine Massenbekehrung Israels. Das weist auf die Judenmission hin. Aber für große geschichtliche Erfolge ist jetzt, soweit Menschenaugen sehen, die Zeit noch nicht gekommen. Mir scheint hier in Berlin zunächst alles in eine große politische Hetze gegen Stöcker umzuschlagen, dessen ,Optimismus und Eifer für eine im großen Stile zu erstrebende Maffeneinwirkung auf unser Volksleben ihn oft genug über das rechte Maß und die rechte Nüchternheit hinaus und in große wirtschaftliche und soziale Probleme hineinführen, denen er nicht gewachsen ist." — In dieser „nüchternen" Beurteilung Stöckers durch den verstorbenen Kultusminister liegt immer noch ein gewiffes Maß von Wohlwollen für den „Eiftrer^; umso geeigneter ist es, auf seinen begeisterten Anhang „entnüchternd" zu wirken! Die „Staatsbürger-Ztg." brachte am 10. Juni d. I. unter der aufreizenden Ueberschrift Verhöhnung der katholischen Religion folgenden Bericht: „Am Neubau einer jüdischen Firma in der Kaufingerstraße in München prangten am Fronleichnamstage zwei große, mit Tannenreisern umwundene Schilder, die als Inschrift folgende zwei Bibelsprüche trugen: „Wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da beten auf den Gaffen, aus daß sie ton den Leuten gesehen werden" (Math. 6, 5), und: „Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen" (Math. 6, 6). Diese beiden Schilder wurden durch die Polizei entfernt." — Daß das Antisemitenblatt nur deshalb den Neubau als „einer jüdischen Firma" gehörig bezeichnet, um dieser eine Verhöhnung der katholischen Kirche in die Schuhe zu schieben, ist unverkennbar, aber ebenso klar ist, daß selbst die „Staats-