Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Berlin
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 424 (sequence 4)
- Language
- German
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Im deutschen Reich 424 Zu der am 29. Juni in „Kellers Festsälen", Berlin, Koppenftraße 29, v< ranstalteten Pückler-Versammlung, zu welcher das Thema „Wucherjuden" angekündigt war, halten sich wiederum Tausende eingefunden, so daß der Saal lange vor Beginn der Versammlung überfüllt war. Zunächst sprach der Reichstagsabgeordnete Böckler über „Bürgerpflichten" und behauptete dabei, daß diese Pflichten durchaus nicht in dem ruhigen Hinnehmen aller Ereignisse und Zustände beständen, sondern in der Beschäftigung mit den großen Fragen der Zeit, besonders der Mittelstands- und Judenfrage. Leider sei bei der Regierung die nötige Energie gegenüber dem Treiben der Börse und des Großkapitals zu vermissen. Aber dieser Regierung paffe die antisemitische Bewegung absolut nicht; das sähe man wieder an dem starken Polizeiaufgebot, das die Versammlung beehre. Besser wäre es für die Beamten, wenn sie, anstatt sich vor den Türen auf. zuhalten, auf der Galerie zuhören würden. Hierauf ergriff Graf Pückler, lebhaft begrüßt, das Wort und erklärte, daß der Jude niemals wirklich gearbeitet habe. Wucher, Betrug, Güterausschlachtung seien feine Spezialität. Auch in Berlin sei diese Sorte sehr stark vertreten; bei dem Wucherjuden Heinrich Pariser sollen Fürsten und Herzöge gepumpt haben. Nachdem der Mann jahrelang den größten Unfug verübt nnd zahllose Existenzen ruiniert habe, seien die Behörden endlich gegen Pariser vorgegangen; aber dann sei er für geisteskrank erklärt worden und man habe ihn laufen lassen. Und wenn-wirklich mal so ein Kerl gefaßt werde, erhalte er vielleicht 1—2 Jahre Gefängnis; das sei keine entsprechende Strafe. Die Wucherer seien Bestien und keine Menschen mehr; dieselben müßten auch wie Bestien behandelt werden. Ganz schauderhafte Kanaillen seien auch die jüdischen Mädchenhändler, die Tausende von unglücklichen Geschöpfen nach Amerika oder sonstwohin verkaufen. In den Prozessen seinerzeit in Lodz und Lemberg habe der Jude Schäferstein behauptet, es mache keinen Unterschied, ob er Mädchen oder alte Sachen verschachere. Wir Antisemiten brauchen daher auch keinen großen Unterschied zu machen, ob wir einen Hasen oder einen Juden erschießen. . . (Das Fragment dieser Rede wurde als Flugblatt massenhaft verbreitet; in demselben ist an Stelle des den Tatbestand des § 130 St.-G.-B. vollständig deckenden Wortes „erschießen" das harmloser klingende „jagen" gesetzt). Bei diesem Worte erhob sich der Polizeileutnant sofort und löste die Versammlung aus. Wie die „Staatsbürger Ztg." berichtet, erschienen nun 20 Schutze leute, die die Versammelten aus dem Saal zu entfernen suchten. Auf Ermahnung des Vorsitzenden, Redakteur Döring, gingen die Versammelten völlig ruhig auseinander. Graf Pückler mit seinen Be