Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 411 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 411 motive für die antisemitische Zwischenaktsmusik bis zur nächsten parlamentarischen Tagung abgeben. Auch die Begründung der Namensänderung des „Deutschen Antisemitenbundes" beweist, daß die Deutsche Reformpartei" zu der Erkenntnis gelangt ist, daß die „verflachte und geistig verödete" Behandlung der sogen. „Judenfrage" nur noch dann bei den Massen Anklang findet, wenn die einem gräflichen Redner unbegreiflicherweise gestattete Darbietung starkgewürzter Kost dem größten Sensationsbedürfnisse genügenden Reiz gewährt. Auch die Freude an den Ritualmord-Märchen, durch welche ein Teil der Antisemitenprefse zeitweise dem Sensationsbedürfnisse ent> gegenkam und recht einträgliche Geschäfte machte, ist den „Gefchäftsantisemiten" anscheinend verleidet worden. Sie haben erfahren müssen, daß ihre „geniale Geistesarbeit" nicht nur von den Herren Lustmördern gewürdigt wurde, die nach ihrer eingehenden Belehrung den unglücklichen Opfern regelrecht die Kehle durchschnitten, um drrch einen „Schächtschnitt" den Verdacht von sich auf die Juden zu lenken, sondern auch von anderen Verbrechern, welche die Spuren ihrer Taten durch „eine fachmännische Leichenzerstückelung" zu verwischen gedachten. Den norddeutschen Antisemiten ist insbesondere durch eine überraschende Wendung in der traurigen Konitz-Affäre zunächst die Lust vergangen, über gruseliche Geschichten von verschwundenen Kindern, Schächtschnitten, blutleeren Leichen u. dgl. zu phantasieren, während sich einzelne rückständige süddeutsche Antisemiten noch in der neuesten Zeit im „Bayrischen Vaterland" gestatteten, das Verschwinden von vier Kindern „den Juden" in die Schuhe zu schieben, und von der Wiederauffindung der im Münchener Polizeibericht erst als ^abgängig", dann aber als „ermittelt" gemeldeten Lieblinge keine Notiz zu nehmen. Gegen solchen Unfug sollten energische Vorkehrungen getroffen werden. Der Konitzer Fall war doch gewiß geeignet, jede Sicherheitsbehörde und die für den Frieden der Bevölkerung mitverantwortlichen Organe zur äußersten Vorsicht zu mahnen. Daß den verschiedenen und zum Teil sich widersprechenden Meldungen über neue Ermittelungen in der „Winter-Affäre" doch Tatsächliches zugrunde liegt, haben neuerdings stattgehabte lange Verhöre der Frau Roß, der Frau Berg, des Schlossers Berg, der unverehelichten Berg, des Gastwirts Heinrich und der Frau Schneidermeister Plath in Könitz hinreichend bewiesen. Außerdem sind nach einer Meldung der „Post" auch noch andere Konitzer Einwohner darüber vernommen worden, ob sie noch in Erinnerung haben, wo sich der Schlosser Berg am Tage der Ermordung Winters aufgehalten