Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 409 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 409 irr ein Mittelstandsbund im wahrsten Sinne des Wortes ist, kämpft schon seit 20 Jahren für den Handwerkerstand." Wenn bei dieser langen Vorkämpfer-Arbeit der Reformpartei der Stand der Handwerker nur das Geringste gewonnen hätte, dann würde er doch gewiß nicht aus der Werkstätte heraus selbst in die politische Arena getreten sein. Daß er sich dort wieder an die Rockschöße der Agrarier hängt, ist zwar auch ein Zeichen der Hilflosigkeit; mit den Krücken des Bundes der Landwirte wird er voraussichtlich nicht schneller vorwärts kommen und sich sicher nicht von den Rassenvorurteilen und der Vorliebe für mittelalterliche Anschauungen befreien, bei denen er in einer Zeit rastloser technscher Fortschritte unmöglich hinreichende Kraft zum gewerblichen Wettbewerb erlangen kann. Wenn neben dem „Deutschen Antisemiten-Bund", der sich nun „Deutscher Mittelstandsbund" nennt, auch noch der „Bund der Landwirte" an der „Mittelstandsfrage" herumdoktert, dann wird die wirtschaftliche Genesung des Handwerkerstandes höchstens verzögert. Zu viele Köche verderben den Brei, zumal wenn ihre Kochrezepte ohnehin wenig taugen. Die in Pyritz von dem ehemaligen Kloriner Pfarrer Krösell herausgegebene Zeitung „Mittelstand" dürfte der „Staatsbürger-Ztg." das Recht, sich als Vertreterin des Mittelstandes aufzuspielen, kaum streitig machen. Herr Krösell muß dafür sich doch dankbar erweisen, daß er sich in die amtliche Fraktionsliste des Reichstags als Mitglied der „Deutschen Reformpartei" eintragen lassen durfte, trotzdem der konservative Rittergutsbesitzer v. Derenthal sich zwar bereit erklärte, die über ihn wegen einer starken Beschimpfung Kröfells gerichtlich verhängte Geldstrafe zu bezahlen, es aber entschieden ablehnte, die Beleidigung schriftlich abzubitten. So gut wie die Handwerker sich schließlich davon überzeugten, daß die zwanzigjährige Bevormundung durch die deutsch-sozialen Reformer ihren Berufsintereffen nicht förderlich war, werden dies vielleicht auch bald die deutsch-nationalen Handlungsgehilfen einsehen, die als Lohn für ihre der Reformpartei seit Jahren geleistete Heeresfolge auf eine energische und erfolgreiche parlamentarische Vertretung ihrer inbezug auf die „Kaufmannsgerichte" ausgedrückten Wünsche mit Bestimmtheit gerechnet hatten. In der Fassung jedoch, in welcher die Vorlage im Reichstage unter Zustimmung der Reformpartei »och vor den Ferien Annahme gefunden hat, dürste dieselbe vielleicht den praktischen Bedürfnissen, aber gewiß nicht den Wünschen der deutschnationalen Handlungsgehilfen entsprechen. Der antisemitssche Reich-, tagsabgeordnete Wilhelm Bruhn hatte selbst wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung im Reichstage in einem in der Berliner