Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 397 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude im deutschen Drama. 39? bezeichnet „unsere Moral und deren höchster und entscheidender Ausdruck, das Gesetz kennt keine Nebel tragung von Vergehen des Individuums auf ein anderes". Die ganze Rede des Rechtsanwalt Deckers, der Gräfin Leas Sache führt, ist ein flammender Protest gegen den Antisemitismus, der vielleicht menschlich erklärlich, aber unberechtigt sei. Mit einem einzelnen jüdischen Typus, den jüdischen Journalisten, beschäftigte sich Gustav Freytag, der in seinem geistreichen und liebenswürdigen Lustspiel unter dcn Journalisten uns auch Schmock verführt. Ich bestreite, daß diese Figur das Judentum verletzt. Gewiß ist Schmock ein armseliger Zeilenschinder, ein Mensch nur mit jener Meinung, die gerade bezahlt wird — aber von Herzen doch ein guter Mcnsch. der das niedrige und entsittlichende N'veau seiner Stellung wohl erkennt und sehr gern aus ihr berauskommen möchte. Mit Freuden ergreift er das kleine Darlehen des Oberst, mit dem er sehen will, aus dem Geschäft herauszukommen und erklärt: „Wissen Sie was, Herr Oberst, wenn ich nichts mache mit dem Geld, so bleibt es geschenkt; wenn ich mir damit aufhelfe, so bringe icds Ihnen zurück. Ich hoffe, ich werde.mir aufhelfen!" Darin liegt doch ebenso viel redlicher Sinn, als ehrliches Wollen! Nun komme ich zuletzt zu jenem Stück, das an Alter die genannten Dramen ebenso weit üb.rlrifft, als an idealer Auffassung der ganzen Frage. Wie könnte freier von Tendenzmalerei, fcvUcdter und eindringlicher, erhabener und begeisterter das hohe Lied der Menschenliebe, der Gleichheit aller Manschen und der Duldsamkeit unter einander gesungen werden, als in Lejsings „Nathan"? Moses Mendelssohn hat ihm bekanntlich die Mrske geliehen, und von ihm hat Natoan fernen patriarchalischen Zug, feinen redlichen Sinn, feine Väterliche, seinen Patriotismus, sein für alles Hohe und Edle erglühendes Herz, und nichts kann verblendeter fein, als die Frage Geibels: „War es Lessing bewußt, als er Nathan uns malte, den Juden, Daß er ihn nur aus dem Schatz christlicher Bildung erschuft Man könnte höchstens aus Nathan, wie eben auch aus Mendelssohn erkennen, daß es keine „christliche" Bildung gibt, keine jüdische, keine mohamedanische, sondern ebenso nur eine Bildung, als es nur eine Wahrheit gibt! Das ist ja gerade die Schwierigkeit, sich unter einander zu verstehen, daß jeder auf seine Abkunft, seinen Wert und feinen Vorzug pocht. Nathan „weiß, daß alle Länder gute Menschen tragen" und rät in seiner Einsicht: